Eine braune Fläche mit waagrechten dunklen Streifen erscheint auf dem Computerbildschirm. Es handelt sich, kaum erkennbar, um das Photo eines Schriftstückes - einer mittelalterlichen Handschrift aus der Bibliothek des Klosters Grottaferrata bei Rom. Ein Mausklick, und schon wird aus dem verschmierten Zettel ein sauberes Manuskript, mühelos lesbar für jeden, der mit griechischer Majuskelschrift aus dem 7. Jahrhundert vertraut ist.

Der Paläograph Dieter Harlfinger vom Graduiertenkolleg "Textüberlieferung" der Universität Hamburg ist Spezialist für griechische Handschrifen wie diese. Daß er sie überhaupt lesen kann, verdankt er einer Gruppe italienischer Wissenschaftler, die vergangene Woche in Hamburg ihr computergestütztes Verfahren zur Bearbeitung alter Handschriften vorstellte. High-Tech im altphilologischen Seminar.

Neue Welten tun sich in der Tat auf, wenn man sieht, wie durch Schimmelbefall, Tintenfraß oder Feuereinwirkung entstellte Textpartien plötzlich wieder leserlich werden, schwer beschädigte Buchmalereien sich per Mausklick rekonstruieren lassen und ein schlimm verschmutzter Dürer-Stich auf dem Bildschirm wieder aussieht wie frisch aus der Presse.

Die Methode läßt sich auch auf Dokumente aus Papyrus anwenden, wie man sie heute noch hin und wieder im ägyptischen Wüstensand oder verklebt in Mumienkartonage findet. Ein Großteil der erhaltenen Handschriften ist aber aus Pergament, dem mittelalterlichen Schreibmaterial aus Tierhaut.

Pergament war teuer. Für ein durchschnittlich dickes Buch im A4-Format mußten rund hundert Ziegen ihr Leben lassen. Im Altertum war ägyptischer Papyrus billiger - jedenfalls solange die Handelswege sicher waren. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches im 5. Jahrhundert wurde in Europa der Papyrus knapp, und bis zur Einführung des Papiers im späten Mittelalter schrieb man fast nur noch auf Pergament. Umfangreiche Bibliotheken waren ein exklusives Privileg der Klöster, die das Pergament oft vor Ort herstellten. Doch auch die Mönche gingen sparsam mit der kostbaren Schreibware um. Texte, die man für nicht mehr wichtig erachtete, wurden von den Bögen abgewaschen oder mit Bimsstein wieder abgekratzt (griechisch: palimpsestos) und neu beschrieben. Daher heißen solche Recycling-Schriftstücke Palimpseste.

Bisher war es ein schwieriges Unterfangen, die verblichenen Schriften wieder sichtbar zu machen. Anfang des 19. Jahrhunderts erkannte man, daß sich hinter so manchem langweiligen, weil dutzendfach überlieferten Bibel-Kommentar ein verloren geglaubter antiker Text verbarg. Der damals führende Palimpsest-Forscher war Angelo Kardinal Mai, der Chef der vatikanischen Bibliothek. Indem er die Pergamente mit Gallapfeltinktur behandelte, gelang es ihm, die ausradierte Schrift wieder hervorzuholen. So entdeckte der Kardinal unter anderem eine bis dahin unbekannte Schrift des römischen Staatsmannes Cicero - von einem solchen Fund träumt jeder Handschriftenforscher.

Pergament-Recycling war im Mittelalter üblich