Käme der französische Mittelfeldspieler Zinédine Zidane, der Frankreich zum Fußballweltmeister machte, nach Bayern, so müßte er die CSU fragen, an welchem Schalter er denn anstehen darf. Geht es nach deren Generalsekretär Herrmann, sollen Ausländerämter säuberlich zwischen "willkommenen Gästen" und "unerwünschten Leuten" unterscheiden. Es schade dem Ansehen Bayerns, wenn ein volkswirtschaftlich produktiver Ingenieur aus Japan beim Meldeamt mit einem kriminellen Ausländer in derselben Schlange warten müsse. Selbst der rechtsextremen Deutschen Volksunion des Gerhard Frey geht die bajuwarische Apartheid zu weit. Für sie ist Herrmann ein Verfassungsfeind. Bis hierher. Und wie weiter?

Erst einmal weiter. Auch in Berlin hat der Rechtspopulismus eine Wahlheimat, und sogar die Sozialdemokratie konnte früher eine Strophe davon singen. Heute ist Jörg Schönbohm (CDU) Innensenator und ein Hüter der Verfassung. Schönbohm hat mit seinen Äußerungen über die multikulturelle Gesellschaft und seiner Forderung nach einer "deutschen Leitkultur" in der Berliner Zeitung eine Kontroverse ausgelöst, auf der der Schatten einer künftigen Berliner Republik liegt. Der Innenminister pflegt Bedenken gegen die multikulturelle Gesellschaft und jene Theoretiker, die sich um ihre Zukunft Gedanken machen. Wenn er am hellichten Tag aus Kreuzberg nach Kleinmachnow heimkehrt, überfällt ihn der Verdacht, er sei nicht mehr in seiner Heimat. "Da befindet man sich nicht mehr in Deutschland", sagt der Held der inneren Sicherheit und fordert Zwangsmaßnahmen. Zum Beispiel die Auflösung türkischer Ghettos in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren, um Fremdkörperbildung zu vermeiden. Auch Abschiebung wirkt integrativ, jedenfalls für die Deutschen. Außerdem könne die Höhe der Sozialhilfe von Sprachkenntnissen abhängig gemacht werden. Klares Deutsch ist bare Münze. Denn "Ausländer, die sich nicht integrieren lassen, müssen sich die Frage beantworten, ob sie zurückgehen wollen. Wir dürfen keine Parallelgesellschaften oder eine multikulturelle Gesellschaft entwickeln."

Der homogene Nationalstaat ist eine gefährliche Fiktion

In Berlin ist Schönbohm auf der Suche nach dem Schicksal der Nation in der Tiefe ihres Wesens. Unter den Linden macht er Probebohrungen auf öffentlichem Grund und schaut nach, wie weit er noch gehen kann. "Deutsche Leitkultur" heißt sein Geschütz, das er gegen den Multikulturalismus in Stellung bringt, gegen eine "Linke" im Singular, die Deutschland nicht liebt und einen Ersatz sucht für das verlorengegangene Proletariat.

Jetzt kennt man die Linke, aber was heißt deutsche Leitkultur? Meint Schönbohm die politische Mehrheitskultur in einer demokratischen Gesellschaft? Selbstverständlich muß die Verfassung von jedermann anerkannt werden, ungeachtet seiner Herkunft, seines Glaubens, seiner moralischen Werte und seiner kulturellen Leidenschaft. Selbstverständlich muß sich jeder auch als Bürger verstehen und die politischen Bedingungen seiner Freiheit respektieren und erneuern. Selbstverständlich ist Deutsch die verbindliche Sprache der Mehrheitskultur, erst recht an den Schulen. Und selbstverständlich ist es verhängnisvoll, wenn Zuwanderer Sprachinseln bilden und sich in Kulturenklaven um ihre Chancen bringen.

Wenn das Wort von der "deutschen Leitkultur" nur die Loyalitätspflichten aller Bürger gegenüber der politischen Mehrheitskultur meint, dann wäre der Streit müßig. Die Diskutanten könnten sich dem Alltag der deutschen Einwanderungsgesellschaft zuwenden, mit all ihren Gegensätzen und Ängsten, all den Dramen und dem Leid, das nur Ahnungslose schönreden können. Von Anfang an beschrieb das Wort von der "Solidarität unter Fremden" mehr eine Zukunft als eine Wirklichkeit, zuletzt auch in Kreuzberg. Gewiß gab es einmal Romantiker. Sie lebten im Prosecco-Milieu zwischen Hamburg-Eppendorf und Heidelberg-Mitte und träumten die Republik als tellerflache Anordnung von Parallelgesellschaften. Weißwurst-Döner-Pizza, und alle Jahre wird gewählt: quattro stagioni.

Nun sind die Schwärmer ausgestorben, aber die Rechtsintellektuellen stellen sich aus Gründen der Feindbildpflege blind. Längst gibt es eine liberale Kritik an jenem abstrakten Multikulturalismus, der sich auf Gerechtigkeitsprinzipien versteift und blind ist für Enklavenbildung und neue Armut. Diese Kritik fragt nach dem Kampf um Anerkennung in einem egalitären, aber moralisch nicht neutralen Rechtsstaat, der das Miteinander der Kulturen und Subkulturen zugleich ermöglicht - und überformt (zuletzt in der Berliner Deutschen Zeitschrift für Philosophie Nr. 3/98). Das jugoslawische Massaker hat in den Theorien ebenso Spuren hinterlassen wie die Selbstversuche multiethnischer Staaten, sich durch Teilung zu homogenisieren - um dadurch neue Minderheiten zu schaffen. Aber Schönbohm liebt die Nostalgie deutscher Daseinsverwirklichung. Sein Extremismus der Mitte ist ein Sickereffekt. Er liebt, berichtet Die Woche, die Bocksgesänge des Botho Strauß über die tragische Selbstbehauptung der Deutschen. Dafür wartet ein Brief vom Berliner Kardinal Sterzinsky zur Situation kurdischer Flüchtlinge seit einem Jahr auf Antwort.