Atomkraft, nein danke

Angela Merkel (CDU) läßt keine Gelegenheit aus, sich zur Kernenergie zu bekennen. Erst Anfang des Monats verkündete die Bundesumweltministerin euphorisch: Der neue Europäische Druckwasserreaktor (EPR) werde die "technologische Grundlage" für die Zukunft der Atomenergie in Deutschland sein.

Die CDU-Politikerin hat allerdings ein Problem: Diese Zukunft ist schon vorbei. Als Merkel noch vom neuen Reaktor schwärmte, trat der einzige mögliche Investor gerade den Rückzug an. Der süddeutsche Stromversorger Bayernwerk ließ - unter Hinweis auf bereits bestehende Überkapazitäten - durchblicken, daß er nicht einmal einen Antrag auf die Genehmigung des EPR-Konzepts stellen werde. Und es kam noch schlimmer: Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber erklärte mit Blick auf die nahende Landtagswahl, daß im Freistaat definitiv kein neues Kernkraftwerk gebraucht werde. Folglich werde es auch keinen zusätzlichen Atomstandort geben.

Seit Ende April hat nun jeder deutsche Stromkunde das Recht, seinen Energielieferanten frei zu wählen. Seither ist in der Branche nichts mehr so, wie es einmal war. Neue Atomkraftwerke sind plötzlich viel zu teuer. "Die unsichtbare Hand des Marktes erhebt sich jetzt gegen die Atomenergie", sagt Stephan Kohler von der Niedersächsischen Energie-Agentur, die zum Teil dem Atomriesen PreussenElektra gehört. "Was die Umweltbewegung in zwanzig Jahren nicht geschafft hat, regelt die Marktwirtschaft in drei Monaten."

Bis zu diesem Frühjahr war der deutsche Strommarkt über sechzig Jahre lang per Gesetz in Gebietsmonopole aufgeteilt. RWE, Bayernwerk, PreussenElektra und fünf weitere Verbundunternehmen hatten ihre Versorgungsgebiete gegeneinander abgegrenzt und machten sich keine Konkurrenz. Die Preise regelten sich nicht durch Angebot und Nachfrage, sondern wurden von überforderten Länderbehörden genehmigt. Alle entstandenen Kosten, auch solche für unsinnige Investitionen wie das ohne gültige Genehmigung gebaute Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich, wurden angerechnet. Obendrauf kam die Marge für einen angemessenen Gewinn. "Dieses Prinzip der Kostenüberwälzung", resümiert Bayernwerk-Chef Otto Majewski die schönen Zeiten, "wirkte letztlich wie eine Lebensversicherung." Vor drei Monaten jedoch fielen die Monopole, und die Kraftwerksbetreiber müssen, so Majewski, "sehr viel stärker auf ökonomische Effizienz achten".

Schon im Vorgriff auf die Preisfreigabe haben große Kunden gegenüber den Stromkonzernen ihre Muskeln spielen lassen. So drohte der Ludwigshafener Chemiegigant BASF dem Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk (RWE), den Lieferanten zu wechseln. RWE konnte den Vertrag nur durch drastische Preisnachlässe halten. Auch der Kaufhausmulti Metro verschickt derzeit deutliche Briefe an seine Stromlieferanten.

Bei den ehemaligen Monopolisten, die sich zuletzt eher als Behörden denn als Unternehmen verstanden, herrscht Alarmstimmung. Bayernwerk-Chef Majewski ahnt: "Investitionsruinen in Milliardenhöhe" werde der Markt künftig nicht mehr verzeihen. Auf fünfzehn Prozent schätzt er das Kostensenkungspotential allein in der eigenen Firma. Experten glauben sogar, daß die Strompreise mittelfristig um bis zu dreißig Prozent sinken werden. Mit anderen Worten: Für Luxus ist kein Geld mehr da.

Jetzt zählt, daß die Investitionssumme für ein erdgasbetriebenes Gas- und Dampfkraftwerk pro Kilowatt installierter Leistung weniger als 1000 Mark beträgt. Für den neuen Kernreaktor hätte das Bayernwerk zwischen 3000 und 6000 Mark pro Kilowatt hinlegen müssen. Noch ungünstiger schlägt zu Buche, daß der Bau des mindestens sechs, vielleicht aber auch über zehn Milliarden Mark teuren EPR mehr als zehn Jahre Planungs- und Bauzeit benötigt. Zwischenzeitlich könnten wichtige Abnehmer längst zur Konkurrenz abwandern, oder die ausländische Konkurrenz könnte mit Dumpingangeboten auf den deutschen Markt drängen.

Atomkraft, nein danke

Wie sich die Bilder gleichen: Wo die Strompreise freigegeben worden sind, beispielsweise in den Vereinigten Staaten, denkt kein Investor mehr an den Neubau eines AKWs. "Neue Reaktoren werden nur noch in Ländern wie China, Pakistan und Indien gebaut, wo Investitionsentscheidungen vom Staat getroffen werden", beobachtet Jörn Ehlers vom Freiburger Öko-Institut. "Dabei geht es nicht um den Strom allein, sondern um Material für Atomwaffen."

Kleine Stromabnehmer subventionieren Großkunden

Noch im März warnte Hans-Olaf Henkel, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI): "Die Sache der Kernenergie hängt am seidenen Faden." Werde der EPR nicht gebaut, drohe Deutschland endgültig das Know-how für die Zukunftstechnologie Kernkraft zu verlieren.

Jetzt ist der Faden gerissen. Vergangene Woche erklärte Siemens-Chef Heinrich von Pierer die Entwicklung des deutsch-französischen Projekts für "weitgehend abgeschlossen". Die rund hundert Mitarbeiter, die in Erlangen noch am EPR arbeiten, müssen sich über kurz oder lang nach neuen Jobs umschauen. Dabei sollte der neue Druckwasserreaktor in eine neue Sicherheitsdimension vorstoßen: Auch bei einem totalen Kollaps im Reaktorkern, so die ursprüngliche Vision, sollten die Anwohner nicht ihre Gartenparty unterbrechen müssen. Doch gegen eine derartige Katastrophe ist auch den Siemens-Ingenieuren kein Gegenmittel eingefallen: Ein Restrisiko wäre geblieben.

Das Aus für neue Reaktoren bedeutet allerdings noch nicht das sofortige Ende für die Atomenergie insgesamt. Derzeit laufen in Deutschland neunzehn Reaktorblöcke an vierzehn Standorten. Die hohen Investitionskosten, bei der Kernenergie drei Viertel der Gesamtkosten, sind je nach Baujahr teilweise oder ganz abgeschrieben. Das hochprofitable "goldene Ende", wo nur noch die Brennstoff- und Personalkosten zählen, wollen die Betreiber natürlich vollständig ausnutzen. Erst recht, weil sie für die Atommüllentsorgung steuerfreie Rücklagen in Milliardenhöhe bilden dürfen, mit denen sie sich massiv in andere Branchen einkaufen.

Dabei haben selbst vollständig abgeschriebene Kernkraftwerke gegenüber neuen, hocheffizienten Erdgasturbinen ein Kostenproblem. So drohte im vergangenen Jahr der Chemieriese Dow Chemical mit Kündigung der Stromabnahme vom Reaktor Stade, den HEW und PreussenElektra betreiben. Um wirkungsvoll verhandeln zu können, plante Dow den Bau eines eigenen Erdgaskraftwerkes. Der Trick funktionierte. Heute kriegt Dow die Kilowattstunde zum Dumpingpreis von schätzungsweise vier bis sechs Pfennig. Zum Vergleich: Die Erzeugungskosten in einem weitgehend abgeschriebenen AKW liegen laut HEW bei sieben Pfennig.

Vor diesem Hintergrund ist es gut möglich, daß die Marktfreigabe für kleinere Stromabnehmer erst einmal höhere Strompreise bringen wird. Handwerksbetriebe und private Haushalte sind für die neuen Stromproduzenten einfach uninteressanter als Großkunden. So gibt es bis heute kein einziges Konkurrenzangebot für Privatkunden. Sie müssen bei ihren alten Lieferanten bleiben und so deren Wettbewerbspreise für die Großabnehmer mitfinanzieren.

Atomkraft, nein danke

Wie hart der Kostenwettlauf mittlerweile ist, machen RWE-Berechnungen deutlich, nach denen die Kilowattstunde aus einer neuen Gasturbine nur 6,5 bis 7 Pfennig kostet. Wenn die Gaspreise weiter sinken, erklärte Manfred Timm, Chef der Hamburger HEW, werde das Kernkraftwerk Brunsbüttel stillgelegt und durch ein Gaskraftwerk ersetzt. Gefahr für die Kernkraftwerke gehe nicht mehr von "linken Ideologen", sondern von "rechtsliberalen Wettbewerbseuphorikern" aus.

Spannend wird es nach der Bundestagswahl. Unabhängig davon, wer ab Oktober das Land regiert: In der Atompolitik stehen wegen wachsender Kostenprobleme eine Reihe von Korrekturen bevor. Erstens spricht viel dafür, die Wiederaufarbeitung von abgebrannten Brennstäben im Ausland zu stoppen. Die Plutoniumwirtschaft ist nicht nur umweltschädlich, sondern schlicht zu teuer.

Mindestens dreißig Jahre werde der Atomausstieg noch dauern, verkündete Kandidat Schröder noch Anfang Juli zur Verblüffung der Grünen. Mit den markigen Worten will der niedersächsische Ministerpräsident seine Wirtschaftsfreundlichkeit unter Beweis stellen. In der Branche kursiert sogar das Gerücht, PreussenElektra-Aufsichtsrat Schröder lasse sich seine energiepolitischen Positionen direkt vom Vorstandsbüro des Atombetreibers schreiben.

Restlaufzeiten von dreißig Jahren sind selbst Angela Merkel zu lang - "wenn bei den Kernkraftwerken alles so bleibt, wie es heute ist". Um die Atomkraft noch drei Jahrzehnte nutzen zu können, müsse das Sicherheitsniveau durch den Bau des Europäischen Druckwasserreaktors verbessert werden. Somit ist das Ende des EPR der Beginn des Ausstiegs aus der Atomkraft.