In diesen Tagen erregen drei Fälle Deutschland. Bei allen geht es um die Frage, wie 75 Millionen Deutsche mit den 7,3 Millionen Ausländern zurechtkommen, die in ihrer Mitte leben: neun Prozent der Wohnbevölkerung.

Gerade hat die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan entschieden, die Plüderhausener Lehrerin Fereshta Ludin, ihrer Herkunft nach Afghanin, nicht in den Schuldienst einzustellen, weil sie darauf beharrt, im Unterricht das Kopftuch der bekennenden Muslimin zu tragen. Die Behörde wertete das Kopftuch als "Symbol für kulturelle Abgrenzung", als "politisches Symbol".

Und seit Wochen bewegt der Fall des vierzehnjährigen Türkenjungen Mehmet die Gemüter. Er hat sechzig zum Teil schwere Straftaten verübt. Dafür wollen ihn die Münchner Behörden abschieben - und seine Eltern gleich mit, als gäbe es noch Sippenhaftung und Sippenhaft.

Nun ist Annette Schavan unter den deutschen Kultusministern eine herausragende Erscheinung. Sie hat Mut, denkt unorthodox, handelt unabhängig. Sie will nicht, indem sie dem Kopftuch ihren Segen gibt, den Druck des traditionalistischen Milieus auf junge, aufgeklärte Türkinnen verstärken. Prominente SPD-Leute und Grüne unterstützen ihre Haltung. Dennoch: Die Stuttgarter Entscheidung im Falle Ludin klingt hölzern, juristisch, undifferenziert. Liberaler wäre es gewesen, es bei der ersten Reaktion des Ministerpräsidenten Erwin Teufel zu belassen: Was jemand im Kopf habe, sei wichtiger, als was er auf dem Kopf trage.

Die Christlich-Soziale Union hingegen? Um den Rechtsextremen Wählerstimmen abspenstig zu machen, haben sich die Bajuw-Arier von der CSU noch nie gescheut, ein paar Blut-und-Boden-Furchen auf dem braunen Acker zu ziehen. Es gilt die Parole: Wahlkampf ist's, haut drauf! Was der Harvard-Professor Samuel Huntington mit seiner These vom "Kampf der Kulturen" seminarfähig gemacht hat - hier wird es, bayerisch derb, mit dem Güllewagen auf dem politischen Acker ausgebracht. Fragt sich nur, wessen Weizen da am Ende blühen wird.

Dabei hätten wir Deutschen nichts nötiger als eine sachliche, ehrliche, gründliche Debatte über uns und unsere ausländischen Inländer. In dieser Debatte sollten wir uns von drei Einsichten leiten lassen.

Die erste Einsicht: Der Streit ist müßig, ob wir ein Einwanderungsland sind. Wir sind es nicht im gleichen Sinne wie die Vereinigten Staaten, Kanada, Australien oder Argentinien: aufgebaut von Immigranten, die ihrer alten Welt den Rücken kehrten, um sich eine ganz neue Welt zu schaffen. Lange Zeit waren wir sogar ein klassisches Auswanderungsland: Von 1816 bis 1914 sind fünfeinhalb Millionen Deutsche emigriert. Aber de facto sind wir längst ein Einwanderungsland geworden. Viele der 7,3 Millionen Ausländer leben schon in der zweiten und dritten Generation bei uns. Die allermeisten werden bleiben - in einem Land allerdings, in dem die Deutschen weiterhin eine Neunzehntelmehrheit bilden werden.