Wer sich bei der Deutschen Bank in Bremen als Bankkaufmann bewirbt, denkt dabei nicht gleich an eine internationale Karriere. Aber wer kann schon mit Sicherheit vorhersagen, was die Zukunft bringt? Sören Beyer jedenfalls hatte auf Anhieb Glück mit seiner Bewerbung. Die Deutsche Bank bot ihm einen Platz in ihrem speziellen Ausbildungsprogramm "Eurolehrling" an. Nach Eingangstests und einem Auswahlverfahren wurde Beyer schließlich als einer von drei deutschen Banklehrlingen nach London geschickt. Dabei hat es sicher eine Rolle gespielt, daß Beyer während seiner Schulzeit ein Jahr lang an einer amerikanischen High-School schon Auslandserfahrung gesammelt hat und auch über die nötigen Sprachkenntnisse verfügt.

Als Eurolehrling kann der 22jährige mit einem guten Start in die Laufbahn rechnen. In London ist nämlich unter anderem das lukrative Investmentgeschäft zu Hause. Investmentbanker betreuen keine Privatkunden, sondern kümmern sich um Fragen der Unternehmensfinanzierung und mischen bei den ganz großen Deals in der internationalen Unternehmenswelt mit. Wer sich da auskennt, hat in Deutschland wie in England bessere Chancen und kann sogar mit mehr Gehalt (und Bonuszahlungen) rechnen als im konventionellen Bankjob.

Londoner Insider behaupten steif und fest, daß man das Investmentgeschäft so richtig nur on the job lernen kann - und vor Ort. Beyer sieht das auch so. "In Deutschland ist stärker reglementiert und vorgegeben, was man in der Ausbildung tun kann", sagt er, "doch hier in London ist man mittendrin: Zum Beispiel nimmt man auch an Kundengesprächen teil, was in Deutschland vielleicht schwieriger wäre. Ein Azubi wird hier als Mitglied des Teams behandelt." Das Problem für Auszubildende aus Deutschland ist allerdings, daß der britische Ausbildungsweg sehr viel weniger formalisiert ist. Und das "duale System", die parallele Ausbildung in Berufsschule und Betrieb, ist in Großbritannien unbekannt. Ein Training dort allein macht noch keinen fertigen deutschen Bankkaufmann.

Ein Preis für besondere Ausbildungsprogramme

Für den Eurolehrling Sören Beyer freilich gilt das nicht; er hat wesentlich bessere Chancen, denn er lernt sein Handwerk nun zwei Jahre bei der Deutschen Morgan Grenfell in London. Zusätzlich geht er noch sechsmal für je sechs Wochen in eine Berufsschule nach altem deutschem Muster.

Diese Berufsschule, das European Vocational College (EVC) in London, ist eine Einrichtung der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer. Sie ist die einzige deutsche Berufsakademie auf der Insel und besteht im Juli genau ein Jahrzehnt lang.

Das EVC bildet deutsche Industrie- und Bankkaufleute in ein- bis zweijährigen Programmen im dualen System aus, veranstaltet außerdem für deutsche Arbeitnehmer Kurse von ein bis zwölf Wochen Dauer und vermittelt Praktika für Studenten.