Lieber ZEIT- Leser,

bitte entschuldigen Sie, daß ich erst heute zu Ihnen finde. Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich fühlen. Alle erhalten derzeit Briefe von mir, nur Sie nicht. Das hat einen Grund: Sie, lieber Leser, schätze ich nämlich ganz besonders, weshalb ich für Sie auch einen ganz besonderen Leckerbissen zurückgehalten habe: die Regierungserklärung, im Vorabdruck und exklusiv.

Sicher ist, daß sich in den kommenden vier Jahren vieles ändern wird. Um konkret zu werden: Ändern wird sich alles, was veränderungsbedürftig und -fähig! ist. Meinem Koalitionspartner Fischer schrieb ich dieser Tage, wer A sagt, müsse auch B sagen. Ich will gern erklären, wie ich das meine: Wer grundsätzlich ja sagt zu einer ökologischen Steuerreform - und das tue ich ohne Wenn und Aber -, der muß eben in der Konsequenz auch nein sagen können. Gleiches gilt für die Innen- und Rechtspolitik, die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik sowie die Bildungs-, Außen- und Sicherheitspolitik.

Im Prinzip verhält es sich mit dem Regieren wie mit dem Essen. "Saumagen kann etwas sehr Leckeres sein", schrieb ich unlängst Madeleine Jakits vom Feinschmecker. "Aber", fügte ich an, "es muß nicht immer Saumagen sein." Ich glaube, das ist es, was Max Weber meinte, als er vom Augenmaß des Politikers sprach.

Wir - und damit meine ich uns alle, die sich in der neuen Mitte versammelt haben - werden im nächsten Jahrhundert, das zugleich das nächste Jahrtausend ist, viele dicke Bretter durchbohren müssen, und ich sage Ihnen ganz offen: Geräuschlos wird das nicht gehen, auch wenn ich schon jetzt alle beruhigen darf, die sich vor Getöse fürchten. Wir haben den Lärmschutz im Koalitionsvertrag fest verankert, was im übrigen zeigt, daß unser Regierungsbündnis auch eine ökologische Handschrift trägt.

Sozialdemokratische Erneuerung, das bedeutet natürlich vor allem, daß der Mensch im Mittelpunkt steht. Wir alle müssen zusammenrücken und die schöpferischen Kräfte, die während der Ära Kohl brachlagen, neu bündeln. Jeder ist dazu eingeladen, aber auch hier gilt: Wer sein Gastrecht mißbraucht, der fliegt raus, und zwar schnell.

Lieber ZEIT- Leser, ich weiß, daß gerade Sie mich kritisch beäugen. Wahrscheinlich kennen Sie mich nicht richtig. Lassen Sie mich also mit einem Vorschlag schließen: Warum setzen wir uns nicht alle zusammen, am besten um meinen runden Tisch, und trinken einen anständigen Bordeaux? Mein Angebot steht. Hinweisen muß ich nur auf unseren Finanzierungsvorbehalt.