Erwartungen zurückschrauben: Auch die nächste Weltmeisterschaft, 2002 in Japan und Südkorea, wird nicht im Dutzend Spiele liefern, die ans Herz gehen. Fußball ist ein Sport der Taktiker und Athleten, nicht der Schöngeister. Von Träumen muß man sich nach dieser WM verabschieden. Selbst Weltmeister Frankreich hat nie berauschend gespielt. Brasilien, im Finale 0 : 3 unterlegen, hat sich dem allgemeinen Trend zur Effizienz angepaßt. Schönheit schaffen nicht mehr Mannschaften, sondern höchstens einzelne Spieler. Doch auch Magier wie Zinedine Zidane oder Ronaldo finden im allgemeinen Verschieben von Vierer- und Dreierketten selten Gelegenheit für Zauberei. Keiner der Stars konnte dem Turnier seinen Stempel aufdrücken. Wenige Spiele werden bis 2002 in Erinnerung bleiben, am ehesten das Halbfinale zwischen Holland und Brasilien.

Spielplan eindampfen: Spielt heute Paraguay gegen Kroatien oder Tunesien gegen Dänemark oder Tunesien gegen England? Nein, England spielt gegen Kolumbien und Tunesien gegen Rumänien. So wurde täglich gerätselt, und nach 24 Stunden war fast vergessen, wie die Spiele ausgegangen sind. Es liefen schon die nächsten drei. Eine WM ist nur eine WM, wenn sie als Ganzes erfaßbar ist. Dieses Turnier zerfiel in 64 Spiele. Nach einer Woche war der Überblick verloren, nach zwei Wochen kam Überdruß auf, und noch standen drei Wochen bevor. In Japan und Südkorea sollten 24 Mannschaften spielen, nicht 32, auch wenn das der Fifa und dem Fernsehen und den Sponsoren weniger Geld bringt.

Singen lernen: Wenn sich die Fans wie die Mannschaften qualifizieren müßten, dann hätten die Engländer beste Chancen auf viele Tickets für die WM 2002. Niemand singt so ausdauernd wie sie, niemand unterstützt eine Mannschaft mit so viel Herz. Wunderbar auch die Holländer, die für den rührendsten Moment bei dieser WM sorgten. Als Ronald de Boer im Halbfinale den entscheidenden Elfmeter gegen Brasilien verschoß, dauerte es nicht eine Sekunde, bis zehntausend Holländer einen großen Tanz der Liebe für ihre Mannschaft begannen. Totenstille dagegen herrschte auf den Rängen der Brasilianer, als das Finale beendet war. Die Franzosen begeistern sich mehr für den Erfolg als für den Sport. Fußball spielt für sie keine besondere Rolle. Geht es aber um eine Weltmeisterschaft, sind Größe und Pathos im Spiel, dann gibt es kein Halten mehr. Millionen feierten den Finalsieg auf den Straßen, und am Morgen danach sah man in Paris überall Franzosen lächelnd die Sportzeitung L'Equipe lesen. Auf dem Titelbild knieten die Spieler Zidane und Djorkaeff unter der Schlagzeile: "Für die Ewigkeit".

Einwanderungsgesetz beschließen: Frankreich siegte mit Zidane, Desailly, Henry, Thuram. Holland kam ins Halbfinale mit Kluivert, Davids, Reiziger. Sie alle sind die Söhne von Einwanderern. Deutschland ist im Viertelfinale ausgeschieden, und die Prognose für 2002 ist nicht günstiger.