Es ist alles meine Schuld." Mit diesen schönen klaren Worten übernahm Ryutaro Hashimoto die Verantwortung für das Wahldebakel seiner Liberaldemokratischen Partei (LDP) bei den jüngsten Oberhauswahlen in Japan. Hashimoto, zugleich Partei- und Regierungschef, kündigte seinen Rücktritt als Parteivorsitzender der LDP auf einer live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz an. Einem ungeschriebenen Gesetz zufolge verliert er mit diesem Rücktritt auch sein Amt als Regierungschef.

War wirklich alles Hashimotos Schuld? Es ist eines der üblichen Rituale japanischer Politik, daß gestrauchelte Machthaber verbales Harakiri begehen. Hashimoto hatte noch mehr Grund dazu als andere, stand er doch seit mehr als einem Jahr im Kreuzfeuer der Kritik. Viele Japaner machen ihn persönlich für die Regierungsentscheidung verantwortlich, mit der im April vergangenen Jahres die Mehrwertsteuer erhöht wurde.

Es sind die Städter, die besonders unter der um 4,1 Prozent gestiegenen Arbeitslosigkeit zu leiden haben; von den üblichen Konjunkturprogrammen der LDP-dominierten Regierung profitieren sie am wenigsten. Noch im April dieses Jahres hatte Hashimoto wiederum einen Maßnahmenkatalog verabschiedet, der wie gewohnt vor allem die Bauindustrie in ländlichen Regionen mit einem warmen Regen öffentlicher Aufträge begünstigte. Die vielen verzweifelten Rufe nach Steuersenkungen schlug er in den Wind.

Niemand hatte die klare Niederlage vorhergesehen

Wer meint, mit Hashimotos "Alleinschuld"-Eingeständnis würde nun auch die wirtschaftspolitische Unentschlossenheit verschwinden, die Japan plagt und seine bedrängten Nachbarstaaten zur Verzweiflung treibt, der dürfte enttäuscht werden. "Im letzten Jahrzehnt hat Japan ein halbes Dutzend Premierminister erlebt, aber das politische System hat sich in der ganzen Zeit nicht grundlegend geändert", sagt Ronald A. Morse, der an der Reitaku-Universität in Tokio japanische Politik unterrichtet. Es habe immer schon eine Gruppe älterer LDP-Politiker gegeben, die "wie einstmals die Schattenschogune" hinter den Kulissen die Fäden zögen. "Es macht in Japan kaum einen Unterschied, wer Premier ist", sagt Morse.

Etwas muß grundsätzlich faul sein im politischen System Japans, wenn ein Wahlergebnis wie das vom Sonntag für alle Beteiligten so völlig überraschend ausfallen kann. Keine der großen Umfragen hatte der LDP bis kurz vor dem Wahltag eine derartig deutliche Niederlage vorhergesagt. "In all den Jahren, die ich Japans Politik beobachte, war meiner Erinnerung nach die Wahlprognose noch niemals so weit vom Ergebnis entfernt wie dieses Mal", sagt der angesehene politische Kommentator Minoru Morita.

Wenige Wochen vor der Wahl hatten viele Beobachter - Wirtschaftskrise hin, wachsende Arbeitslosigkeit her - sogar noch eine absolute Mehrheit der LDP für möglich gehalten. "Die Politiker müssen dafür kritisiert werden, daß sie von diesem Resultat überrascht worden sind. Sie waren sich nicht bewußt, welche Veränderungen in den Köpfen der einfachen Bürger stattgefunden haben", sagt die Politologin und Essayistin Eiko Oya. Nun sind die Ergebnisse von Wahlen niemals mit völliger Sicherheit vorauszusagen. Doch die Ahnungslosigkeit des gesamten politischen Establishments in Tokio dokumentiert einen gefährlichen Realitätsverlust der politischen Klasse.