Tim Smit hat eine sehr einfache Theorie: "Wenn du in einem Garten keine Liebe machen kannst, wenn du dort nicht träumen oder dich betrinken kannst - asphaltier ihn doch, wozu ist er sonst gut?" Mit solchen Brennesselsätzen traktiert Tim Smit gerne die Gentlemen der Royal Horticultural Society, wenn es um historische Gärten geht. Sissinghurst zum Beispiel, Nationalheiligtum der Blumenpilger, dort hat er zum ersten Mal ein Mädchen "so richtig geküßt", als Schüler im benachbarten Cranbrook. "Wir pflegten nachts über den Zaun zu klettern, it was great. Das ist überhaupt die beste Zeit, um Sissinghurst zu sehen."

Grinsend blickt er mich an, ein Kerl mit breitem, unrasiertem Kinn und hoher Stirn. Gekräuselte Nackenhaare, Holzfällerarme. Wenn je ein Bock zum Gärtner wurde, dann er, Tim Smit, ein Außenseiter ganz und gar, geborener Holländer, gelernter Archäologe, ehemaliger Popmusiker und Plattenproduzent. Ausgerechnet diesem Mann ist es gelungen, im Gartenparadies England ein Stück Wildnis freizulegen, das inzwischen zum meistbesuchten Garten des Landes avancierte, populärer noch als Stourhead und andere Ikonen der grünen Kunst.

Der Dschungel ist nur ein Teil dieser Gärten in den Hügeln über dem Fischerdorf Mevagissey. Ausgedehnte Blumen- und Gemüsegärten gehören dazu, ein italienischer und ein neuseeländischer Garten, Gewächshäuser, Obstplantagen, ein ganzer Gartenkosmos, der sich seit dem 18. Jahrhundert um das Herrenhaus von Heligan entwickelte, Nutzgärten, Ziergärten, exotische, verwunschene und am Ende gänzlich verlorene Gärten.

Heligan war ein Landgut, wie es in England Tausende gab. Kein aufregendes Haus, weder architektonisch noch gesellschaftlich. Seit der Tudorzeit lebten dort die Tremaynes, weitab von London, zufrieden mit ihrem eigenen Hof. Drei Generationen der Familie konzentrierten ihren Ehrgeiz auf die Gärten. Von den großen botanischen Expeditionen, aus den fernsten Winkeln des Empire besorgten sie sich Ableger, die im feuchten, milden Klima der Südküste Cornwalls weit prächtiger gediehen, wie sich zeigte, als das Empire selbst. Auch Arbeitskräfte waren noch billig; allein 22 Gärtner standen den Tremaynes im 19. Jahrhundert zu Diensten.

Der Niedergang von Heligan begann nach dem Ersten Weltkrieg. Nach dem Tod des letzten männlichen Erben wurde das Haus verkauft, später in Appartements unterteilt. Die Gärten verfielen. "Aber verloren waren sie für uns eigentlich nie, als Kinder spielten wir immer dort", sagt Linda, meine Wirtin in "Treleaven Farmhouse". Die Hälfte der Einwohner von Mevagissey, heißt es, sei im Palmendschungel von Heligan gezeugt worden.

"Ja, ein sehr fruchtbarer Ort", lacht Tim Smit. Am 16. Februar 1990 sah er Heligan zum ersten Mal. Durch wuchernde Lorbeersträucher, über gestürzte Bäume und eingefallene Mauern bahnte er sich einen Weg, durch brusthohe Brennesseln und baumhohe Rhododendren, vorbei an den Ruinen von Gewächshäusern, deren Giebel wie sinkende Schiffe kieloben in der grünen Wildnis trieben. "Dieser Tag hat mein Leben verändert."

Ursprünglich wollte Tim Smit in Heligan seltene Tierrassen züchten. Das lehnten die Planungsbehörden ab. Könnte nicht ein entlaufener Tiger in Mevagissey auftauchen, ein Krokodil aus der Kanalisation? Mißtrauisch verfolgten manche Einheimische auch den nächsten Plan des Plattenproduzenten aus London. Wollte er Heligans Gärten vielleicht nur restaurieren, um dort ein Popfestival zu starten? Während einer der vielen Gemeindeversammlungen flog plötzlich eine Fledermaus durch den Raum. Tim Smit fing sie nicht nur, er konnte sie auch sofort identifizieren: "Ein Pipistrellus, die kleinste britische Fledermaus." So gewinnt man als Fremder selbst in Cornwall Respekt.