Das klingt nun doch zu verräterisch nach dem Motto "Haltet den Dieb!". Erst streut das Bundespräsidialamt eine Idee - und dann will es niemand gewesen sein. Eine zweite Amtszeit für Roman Herzog - auch so kann man ein Thema machen: indem man es, nach getaner Arbeit und ausgelöstem Effekt, flugs zum Nichtthema erklärt. Alles nur Spekulation, sagt Herzogs Staatssekretär Wilhelm Staudacher. Ob gerade er - der stille Emissär und Strippenzieher - da sicher sein kann, den richtigen Begriff gewählt zu haben?

Der Bundespräsident will also bis nach der Bundestagswahl gar nichts mehr sagen - jedenfalls nichts zur Frage einer zweiten Amtszeit. Dabei hatte er doch - eigenem, wiederholtem Bekunden zufolge - dazu schon längst alles gesagt: "Ich mache eine Amtszeit, und dann sind mich die Deutschen los." Und, an Pilatus gemahnend: "Quod dixi, dixi - was ich gesagt habe, habe ich gesagt."

Gewiß, auch das Amt des Bundespräsidenten gehört zur politischen Verfügungsmasse. Das mag man beklagen, das sollte man auf das unvermeidliche Minimum beschränken - gänzlich verhindern kann man es nicht. Folglich wirkt es nun ziemlich komisch, wenn Parteipolitiker jeglichen Ranges pikiert verkünden, das Amt solle aus dem Wahlkampf herausgehalten werden - und damit jeweils nur die Bemühungen der Gegner meinen, sich günstige Ausgangspositionen zu schaffen.

Schon als Adenauer 1949 ziemlich einsam entschied, Theodor Heuss solle der erste Bundespräsident werden ("Der hat immerhin eine evangelische Frau. Das genügt"), wollte er dem in den eigenen Reihen lebhaften Wunsch nach einer Großen Koalition einen Riegel vorschieben. Als Heinrich Lübke, ungeachtet seines vorgerückten Alters, zu einer zweiten Amtszeit gebracht wurde, wollte umgekehrt nicht nur er, sondern auch Herbert Wehner einer Großen Koalition Vorschub leisten: was auch gelang. Gustav Heinemann selber sprach 1969 nach seiner Wahl aus, was jedermann entweder gewollt oder gefürchtet hatte: "Ein Stück Machtwechsel." Und als Hans-Jochen Vogel seine SPD lange vor der Zeit auf eine Wiederwahl Richard von Weizsäckers festlegte, geschah dies nicht nur aus reiner Verehrung, sondern auch mit der Absicht, der Union ein Schnippchen zu schlagen und ihr allfällige Hintergedanken abzuschneiden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, wenn ihn jüngste Manöver auf beiden Seiten des politischen Spektrums an diese Tradition erinnern!

Im Falle Herzogs liegen die Dinge aber in einem entscheidenden Punkte anders. Er selber hat einen wesentlichen Teil seines politischen Kredits ohne Not gerade auf die frühe Absage an eine zweite Amtszeit gebaut. Seine Äußerungen dazu im Zeitraffer: "Es ist mir auch bei meiner Entscheidung, nicht noch einmal zu kandidieren, weniger darum gegangen, mir Unabhängigkeit zu verschaffen; die hätte ich auch so. Es ging mir darum, jeden Anschein von Abhängigkeit zu zerstören. Und das ist mit Sicherheit geglückt." - Bei seiner Ankündigung habe nicht nur ein menschliches, sondern auch ein "moralisches Motiv" eine Rolle gespielt. - Es sei ihm zu dieser Absage eigentlich nichts Neues eingefallen und: "Streichen Sie das Wort ,eigentlich', sonst sagt wieder einer, ich würde mir ein Hintertürchen offenlassen." - Diese letzte Äußerung liegt gerade vier Monate zurück. Und jetzt steht das Hintertürchen sperrangelweit offen.

Hätte Roman Herzog zu dieser Frage einfach geschwiegen, niemand würde Anstoß daran nehmen, falls er sich jetzt - so oder so - erklärte. Da er sich aber demonstrativ stets anders einließ (wenngleich bei genauerem Hinsehen immer wieder der ein oder andere Lichtstrahl durch den Türspalt geblinzelt hatte), fühlen sich nun viele auf den Arm genommen: ein nachträglicher Wegfall der immer wieder beschworenen Geschäftsgrundlage.

Weshalb das Ganze? Um der Union im Wahlkampf zu helfen, wie manche jetzt unterstellen? Die Motivlage ist offenkundig eine andere. Schon früher hatte Herzog angedeutet, es gebe für eine Wiederwahl ja auch keine Mehrheit in der Bundesversammlung. So besehen, handelt es sich also nicht um Wahlhilfe Herzogs für die Union, sondern - im Gegenteil - um die Vorahnung: Kohl verliert die Wahl, die Große Koalition kommt. Und nur dann könnte sich die Union mit einiger Aussicht auf Erfolg für ein Staatsoberhaupt aus ihren Reihen stark machen: gut für die Union, weniger schön für den Kanzler.

Das Amt des Bundespräsidenten ist als Faktor der Integration dem parlamentarischen Apparat der Konfrontation entgegengesetzt. Oder mit dem englischen Verfassungstheoretiker Walter Bagehot gesagt: Es gehört zu den ehrwürdigen, nicht zu den effektiven Institutionen der Verfassung: a dignified, not an effective part. Diese Arbeitsteilung setzt aber voraus, daß wenigstens der Bundespräsident selber sich nicht zum Gegenstand der Konfrontation macht. Und: daß er selbst keine indiskreten Wetten auf den Ausgang der Konfrontation abschließt.

Schade, daß Roman Herzog sich nicht treu geblieben ist.