Wer sind Sie?" - "Ich bin der Generalsekretär der Vereinten Nationen." - "Aber - das ist doch der Ägypter." - "Das war mein Vorgänger."

Mit diesen bizarren Fragen und Antworten soll das Zwiegespräch von Moshood Abiola und Kofi Annan begonnen haben. Der berühmteste Häftling Nigerias habe einen der bekanntesten Akteure der Geopolitik nicht erkannt, heißt es. In Zeiten, da Informationen in Sekundenschnelle das hinterste Urwalddorf erreichen, zögert man, solche Geschichten zu glauben. Aber in Nigeria, der größten und reichsten schwarzen Republik der Erde, sind noch ganz andere Dinge möglich.

Seine Gefolgschaft, die ihn wie einen Heilsbringer verehrte, scheute den Vergleich mit Nelson Mandela nicht. Die Mehrheit der Nigerianer unterstützte ihn mit nüchterner Skepsis: Wer in Nigeria so steinreich wurde wie der Medien-Tycoon Abiola, der muß mit den Mächtigen gekungelt haben. Trotz seines zweifelhaften Leumunds stieg er zum Hoffnungsträger des demokratischen Wandels auf. Sein plötzlicher Tod rückte das fragile Land an den Rand des Abgrunds.

Vor Monatsfrist, genauer gesagt am 8. Juni, hätte dies niemand für möglich gehalten. An diesem Tag starb Sani Abacha, der brutalste Diktator in der kurzen Geschichte Nigerias, und das Volk jubelte unverhohlen und hoffte. Würde die Republik, die in 28 von 38 Jahren seit ihrer Gründung von Militärs beherrscht worden war, zur Demokratie zurückkehren? Ein politischer Wetterwechsel lag in der Luft. Der moderate General Abdulsalam Abubakar, der über Nacht vom Militärrat ernannte Nachfolger Abachas, stellte eine zivile Regierung in Aussicht. Er ließ prominente Dissidenten wie Olusegun Obasanjo frei und erwog, auch Abiola zu begnadigen, vorausgesetzt, dieser würde nicht auf dem Anspruch beharren, der ihn ins Gefängnis gebracht hatte.

Denn der Multimillionär betrachtete sich als rechtmäßiger Präsident Nigerias. Er wäre aus der letzten demokratischen Wahl am 12. Juni 1993, bei der er nach Angaben der Opposition neunzehn von dreißig Bundesstaaten erobert hatte, womöglich als Sieger hervorgegangen. Aber das genaue Ergebnis kennen nur die Militärs, die den Urnengang kurzerhand annullierten. Abiola, den sie zunächst gewähren ließen, war ihnen unheimlich geworden. Der populäre Muslim aus dem Süden hätte die traditionelle Vormacht der Militärkaste aus dem Norden gefährden und vielleicht sogar die Gräben zwischen den dominanten Volksgruppen der Haussa-Fulani, Ibo und Yoruba zuschütten können.

Ein Jahr nach der gestohlenen Wahl erklärte sich Abiola zum Präsidenten. Die Junta klagte ihn des Hochverrats an und warf ihn ins Gefängnis, das er nicht mehr lebend verlassen sollte. Vorigen Sonntag, bei der Beisetzung Abiolas, wurden auch die Hoffnungen des 12. Juni 1993 begraben.

Shakespeare hätte sich dieses politische Drama nicht besser ausdenken können. Abiola und Abacha, einst gute Freunde, werden zu erbitterten Feinden. Erst stirbt der Diktator, kurz darauf der Dissident, beide unter mysteriösen Umständen. Gerüchte besagen, Abacha sei eine Überdosis der Potenzpille Viagra zum Verhängnis geworden. Und Abiola? Der wurde vergiftet, raunt das Volk. Denn seine letzten Besucher - UN-Chef Kofi Annan, Emeka Anyaoku, der Generalsekretär des Commonwealth, und Thomas Pickering, Unterstaatssekretär aus Washington - berichteten übereinstimmend, sie hätten den Regimegegner noch bei guter Gesundheit erlebt. Deshalb glauben viele Nigerianer auch nach der Leichenschau neutraler Pathologen - Befund: Tod durch Herzversagen - an die Mordthese. Eines steht in jedem Fall fest: Das Regime hat Abiola auf dem Gewissen, indem es ihn vier Jahre in einem Kerker isolierte und verrotten ließ.

Die Briten gingen, die kolonialen Strukturen blieben