Vor Barrikaden, Wassergraben und Stacheldrahtverhauen, die ihre Marschroute in Drumcree blockieren, gefallen sich die Hardliner des Oranierordens noch immer in ihrer lutherischen Pose. Entschlossener denn je sind sie, der ganzen Welt zu trotzen. Doch auch im Epizentrum der jüngsten nordirischen Krise ist Bewegung erkennbar - die Reihen der Oranier beginnen sich zu lichten. Der Tod der drei katholischen Jungen, die bei einem Brandanschlag umkamen, löst ein Umdenken aus. Moderate Oranier wenden sich betroffen, ja beschämt ab. Auch sie wollten in Drumcree für ihr "Recht" eintreten, entlang der katholischen Gavaghy Road zu marschieren wie schon die letzten 200 Jahre zuvor. Jetzt dämmert es vielen Männern mit den orangefarbenen Schärpen, daß sie an einem Scheideweg angelangt sind. Der eine Weg verlangt die Bereitschaft zum Dialog mit den katholischen Nachbarn. Dieser Weg führt ins "neue Nordirland". Dafür steht die halbautonome Provinzregierung, deren Erster Minister David Trimble heißt. Er ist Führer der größten protestantischen Partei, lokaler Abgeordneter von Drumcree/Portadown und selber ein Mitglied des Oranierordens. Der andere Weg führt unweigerlich in die Konfrontation und die Gewalt.

Die rund 80 000 Oranier der Provinz verstehen sich als gesetzestreu und gottesfürchtig. In ihrer Satzung geloben sie nicht nur Treue zu Krone und Protestantismus; sie bekennen sich auch zu den Zielen von "Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Gesetzestreue". In Drumcree stoßen diese hehren Prinzipien hart auf die Realität. Hier zeigt der Orden, der 1795 gegründet wurde, sein häßlichstes Gesicht. Hinter den Rockschößen würdiger Herren im Bowlerhut zeigen sich Gewalttäter. Jugendliche Rüpel schleudern Nacht für Nacht Molotowcocktails und Steine auf Polizeibeamte und Soldaten. Im Schutze der Menge eröffneten finstere Gestalten, Mitglieder der blutrünstigen Splittergruppe Loyalist Voluntary Force, das Feuer auf die Vertreter der Staatsgewalt. Im Namen von "Bürgerrechten" und "Demonstrationsfreiheit" war der Orden angetreten. Dann aber usurpierte der Mob den Protest. Dennoch will man nicht einlenken. In Drumcree dominieren nach wie vor die Ultras des Ordens - hartgesichtige Typen wie Joel Patton, stets umgeben von jungen Männern, denen es in den Fäusten juckt, wenn sie auf Widerspruch stoßen. Die Hardliner sind uneinsichtig. Dialog und Kompromiß bleiben Fremdworte für sie. Ihnen geht es nicht nur darum, den Marsch durchzusetzen. Das ganze Nordirlandabkommen samt Gewaltenteilung und institutionalisiertem Ausgleich zwischen Protestanten und Katholiken soll zerstört werden.

Die eigentümlichen Gestalten mit Bowlerhüten und grellfarbenen Schärpen, die trommelnd und pfeifend durch Nordirland marschieren, sind geradezu provozierend unmodern. Glühender Patriotismus wie inbrünstige Religiosität macht sie zutiefst verdächtig. Vor allem liberale und linke Journalisten sehen sie oftmals nur noch als "Unpersonen", ähnlich abstoßend wie der Ku-Klux-Klan oder südafrikanische Buren. Als "Kolonisten" abgestempelt, braucht man Anliegen und Motive der Oranier gar nicht erst zu ergründen. Dabei leben sie seit über 300 Jahren auf der grünen Insel, haben dort ihre eigenen Traditionen entwickelt. Das britische Magazin Prospect stellte kürzlich selbstkritisch fest, Verachtung für Ulster-Protestanten sei in liberalen Kreisen die einzig hoffähige Form von Rassismus.

Mehr und mehr wirken diese nordirischen Protestanten wie der verlorene Stamm, einsam, ohne Freunde in der Welt, lästig nicht zuletzt der Nation, der sie sich zugehörig fühlen. Jetzt sind sie dabei, ihre letzten Sympathien zu verspielen. Die erzkonservative britische Zeitung Daily Mail nennt die Oranier einen "primitiven Kult" und fordert die Regierung auf, Großbritanniens jährliche Subvention von acht Milliarden Pfund für die Provinz Nordirland zu streichen.

Zwei Jahrhunderte lang war der Oranierorden ein monolithischer Block, er verstand sich als Garant protestantischen Überlebens in einer feindseligen Umwelt. Von Beginn an existierte der Orden in einem engen, feindseligen Spannungsverhältnis zu Katholizismus und irischem Nationalismus. Die Märsche des Oranierordens im Juli jeden Jahres erwecken den Eindruck, als sei die Armee von Wilhelm dem Oranier neu erstanden, die den katholischen König James vor 308 Jahren in der Schlacht von der Boyne besiegt hatte. In Wahrheit handelt es sich bei dieser Heldenlegende um einen Mythos. Wilhelm der Oranier führte, vom Papst unterstützt, einen geopolitisch motivierten Krieg, in dem die Religion nur eine untergeordnete Rolle spielte. Der Oranierorden wurde erst gut ein Jahrhundert später gegründet. Zunächst handelte es sich um ein Bündnis von ländlichen und städtischen Kleinbürgern, die gegen katholische Banden kämpften - es ging um Land und den Besitz von Farmen. Befeuert von einem intensiven Glauben an den Triumph des Guten über das Böse, von Protestantismus über Katholizismus, gerieten die Oranier immer wieder in Konflikt mit dem britischen Staat. Jahrzehntelang wurden ihre Märsche untersagt. Im 19. Jahrhundert wuchs der Orden; zu den Kleinbürgern und Bauern stießen Vertreter der gehobenen Klassen und des Landadels. Es galt, homerule, die irische Selbstverwaltung, abzuwehren.

In den Nachkriegsjahrzehnten suchte der Orden die eigene Religion zu pflegen, ausgleichend zwischen calvinistischen Presbyterianern und Anglikanern zu wirken und die sozialen Spannungen innerhalb des protestantischen Lagers zu vermindern. Die Loyalität zur Krone, belegt durch den hohen Blutzoll in zwei Weltkriegen, hatte jedoch ihre Grenzen. Wenn die Oranier die Stellung der Protestanten bedroht glaubten, verweigerten sie dem Staat den Gehorsam. So 1974, als sie zusammen mit streikenden Arbeitern den Versuch vereitelten, eine nordirische Regierung einzurichten, die auf Gewaltenteilung beruht.

Jetzt bricht der Monolith auseinander. Der Orden ist tief gespalten. Führende Mitglieder wie Reverend William Bingham plädieren nicht nur für ein Ende der Proteste in Drumcree. Protestanten wie Katholiken müßten lernen, in gegenseitigem Respekt zu leben. Die moderaten Oranier plädieren für einen Neubeginn. Hardliner bezichtigen sie des "Dolchstoßes in den Rücken". Das katholische Lager tritt selbstbewußter und geschlossener auf - abgesehen von jenen republikanischen Terrorgruppen, die das neue Nordirland mit Bomben zerstören wollen. Der protestantische Unionismus dagegen ist fragmentiert und uneiniger denn je.