Wie", fragt Mia Farrow die Leser des sterns , "soll ich meinem Sohn erklären, daß sein Vater seine Schwester geheiratet hat?" Eine Frage so klar wie Kloßbrühe, die Antwort so dunkel wie die Wolken über der Alster. Wie erklärt man so was? Wieso heiratet Woody die kleine Soon-Yi, und warum überhaupt lebt Rudi mit Lisa, die doch ein Kind mit Fritz hat, der jetzt mit Lena geht, die ein Kind von Egon hat, der sich gern heimlich noch mit Eva trifft, die eigentlich mit Erwin lebt, der seinen Sohn Franz mitbringt, weil dessen Mutter Ursula lieber mit Anton, dessen Frau Susi nun leider allein mit den Kindern... Warum? Ist doch klar. Wegen der Liebe.

Obwohl, die gibt es doch gar nicht. Nur ihren Plural. Viele, viele bunte Lieben. Oder ihren Rattenschwanz, die Liebeskomposita, Liebeskummer, Liebesqualen, Liebesenttäuschung und so weiter. Vor allem aber gibt es eines: die neue Liebesmobilität. Mobiles Herz in der mobilen Gesellschaft. Otto ist trotz vieler Schicksalsschläge e. humorv. Mann. Auto vorhanden . Claudia, trotz einer schweren Enttäuschung ohne Vorurteile, möchte für immer glückl. werden . Irmgard, seit lg. Zeit alleinsteh., mö. e. lieben Herrn wieder verwöhnen . Die Liebessoziologie meldet: Die romantische Liebe "als individuelle Glücksutopie kann sich nicht mehr am Widerstand gegen gesellschaftliche Zwänge und Verbote entzünden, sondern nur noch in Konkurrenz und Auseinandersetzung mit jeweils anderen Lieben" (Ulrich Beck). Schlichter: Die Liebe muß wandern von einer zur andern. Das hält gesund, belebt den Kreislauf und den Wohnungsmarkt, die Konsumgüterindustrie und die Tourismusbranche.

Er organisiert auch die Single-Wanderungen jeden Sonntag, den Spieletreff, das Schwimmen mit Barthold, die Märchenstunde, den Englisch-Gesprächskreis und die Samstagsgespräche. Er hat das Heft "Ich gehöre mir" verfaßt, über das der Gesprächskreis debattiert. In seinem Beutel hält er Liebesratgeber für die Clubmitglieder bereit. Aus dem Ratgeber gewinnt man den Eindruck, daß das Glück in der Liebe im wesentlichen eine Frage der gewissenhaften Körperpflege ist ("Es wird selbst der geschicktesten Frau nicht gelingen, Ihre erogenen Zonen mit der Zungenspitze zu ertasten, wenn Sie fingerdicke Hornhaut auf den Füßen haben").

Und in der Tat ist das Elend, das sich an diesem Abend bei Barthold zu späterer Stunde noch einstellt, das frischgewaschenste, das sich denken läßt. Das brüchige Haar gefönt, Pfeilchenduft unter den Achseln, die Zahnbürste in der Jackentasche, Rosenöl zwischen den Fußzehen - das arme Liebesmobil in Ausgehstimmung. Barthold verteilt einen Interessenfragebogen. Aus dem Interessenfragebogen gewinnt man den Eindruck, daß das Glück in der Liebe im wesentlichen davon abhängt, ob man lieber ein Museum oder ein Musiklokal besucht.

Danach holt Barthold ein paar Geduldspiele aus seinem Beutel. Aus den Geduldspielen gewinnt man den Eindruck, daß das Glück in der Liebe im wesentlichen eine Frage der richtigen Knotentechnik ist. Für immer glückl . Am Ende bittet uns Barthold, am nächsten Freitag wiederzukommen. Klar doch. Noch immer dunkle Wolken über der Alster. Liebes Herz, was willst du mehr?