Es sei denn, starke nationale Weltparteien erzwingen einen Wandel von der "Belehrungs- zur Lerngesellschaft" (Wolf Lepenies), und zwar in den Kernländern des Westens selbst.

Ein Wolkenkuckucksheim? Die Idee ist in etwa so unrealistisch, wie es die Forderung der Achtundvierziger nach nationaler Demokratie vor 150 Jahren war. Und ihre Zeit ist gekommen: In den vergangenen Jahren sind regelungsintensive Industrien liberalisiert worden; Telekommunikation, Energie, Nahrungsmittel und Finanzen. Die dadurch freigesetzte weltweite Konkurrenz hat nationale Normierungsinstanzen miteinander in Konflikt gebracht. Mit dem freien Warenverkehr ist das Problem inzwischen global geworden. Und dies alles ist erst der Anfang. Schon heute zeichnen sich weitere Konfliktquellen ab, Absprachen zu globalen Umwelt- oder Arbeitsmarktnormierungen etwa, also Regelungen in Handlungsfeldern, in denen die Konflikte noch schwieriger zu handhaben, weil sie politisch hoch sensibel sind.

Wie können die Regulierungskämpfe politisch organisiert werden? Drei Szenarien, die einander nicht ausschließen, zeichnen sich ab:

- kosmopolitischer Fassadenbau: transnationale Politik als Mittel zum Zweck nationaler Interessen;

- internationale Regimes: starke Regulierungsinstanzen, die eine gegenüber nationalen Regierungen und Egoismen eigenständige Rahmung globaler Politik erlauben;

- oder eben national verankerte Weltbürger-Parteien. Formationen also, die die immer noch gegeneinander abgeschotteten nationalen Öffentlichkeiten und Politikarenen für transnationale Themen, Werte, Gesichtspunkte öffnen und aktivieren. Ohne eine solche Erprobung neuer Demokratieformen jenseits des Nationalstaates, aber eben im Zentrum der nationalstaatlichen Demokratie, also in den Parlamenten, droht die vor uns liegende Phase in eine nachpolitische Ära der Hochtechnokratie einzumünden. Die Bedeutung und Macht der kosmopolitischen Parteien liegt im Aufdecken und Ausspielen des Transnationalen begründet, selbst wenn sie auf nationalstaatlicher Ebene zunächst nur Minderheiten für transnationale Belange gewinnen und mobilisieren sollten. Denn sie setzen alle unter Druck, sich für diese Themen zu öffnen.

Doch die Schwierigkeiten, mit denen sich kosmopolitische Parteien konfrontiert sehen, sind riesig. Schon jetzt scheinen beispielsweise die Gegensätze zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union in Fragen der Qualität und der Sicherheit von Nahrungsmitteln kaum noch zu überbrücken. Und derartige Schwierigkeiten werden um so größer sein, je gegensätzlicher die kulturellen Hintergründe, Einkommenslagen und politischen Systembedingungen zwischen den beteiligten Ländern und Regionen sind, etwa zwischen Afrika, Südamerika oder Asien. Kosmopolitische Parteien müssen nicht nur diese Gegensätze in sich austragen und aushalten, sie müssen auch die dafür nötige politische Kraft in Identitätskonflikten mit, also: gegen Renationalisierungsbewegungen, gewinnen. Mit anderen Worten, sie müssen die Eigenständigkeit einer kosmopolitischen Ethik und Politik in ihrem jeweiligen nationalkulturellen Milieu erkämpfen, herausschälen, gestalten, entfalten.