Sie sind in einem dreifachen Sinne "Weltparteien": Erstens sind ihre Werte und Ziele nicht national, sondern weltbürgerlich in dem Sinne, daß sie sich auf Werte und Traditionen der Menschheit in allen Kulturen und Religionen berufen und sich dem Globus als Ganzem verpflichtet fühlen - im Gegensatz zu nationalen Parteien, die sich auf nationale Werte, Traditionen und Solidaritäten berufen. Sie sind Weltparteien zweitens , weil sie Fragen der Globalität zum Zentrum politischer Phantasie, politischen Handelns und Gestaltens erklären und auf diese Weise den festgefügten und festgefahrenen Prioritäten des Nationalen programmatisch wie institutionell durch eine Politik der konkreten Alternativen widersprechen. Es geht also bei kosmopolitischen Parteien nie nur um bestimmte Inhalte, sondern zugleich immer auch um einen neuen Begriff, um neue Strukturen des Politischen. Ziel ist stets eine Öffnung, eine Reform der nationalstaatlichen Politiksysteme für die zugleich lokalen und transnationalen Fragen. Sie sind schließlich drittens Weltparteien in dem Sinne, daß sie nur als multinationale Parteien möglich werden. Das heißt, es muß Weltbürgerbewegungen und -parteien französischer, nordamerikanischer, polnischer, deutscher, japanischer, chinesischer oder südafrikanischer Provenienz geben, die im Zusammenspiel miteinander in den unterschiedlichen weltgesellschaftlichen Nischen und Blickwinkeln um das Durchsetzen kosmopolitischer Werte und Institutionen ringen.

In den Weltparteien schlägt also das babylonische Herz der Weltgesellschaft.

Doch wer kommt als Träger einer solchen kosmopolitischen Erweiterungsbewegung der Demokratie überhaupt in Frage? Wo sind die Wählerinnen und Wähler, die sich durch Weltbürgerparteien angesprochen und repräsentiert fühlen? Dort, wo Globalität zum Alltagsproblem oder zum Gegenstand der Kooperation wird - in den Metropolen, den global cities und in transnationalen Organisationen und Bewegungen -, dort bilden sich Milieu und Selbstbewußtsein einer Bürgerschaft der Weltgesellschaft heraus, mit einem postnationalen Verständnis von Politik, Verantwortung, Staat, Gerechtigkeit, Kunst, Wissenschaft, öffentlichem Austausch. In welchem Ausmaß dies heute schon absehbar der Fall ist oder in Zukunft sein wird, ist ein allerdings empirisch und politisch völlig offenes Problem. Der Internet-Anschluß allein erzeugt noch keinen Weltbürger.

Auch darf die multi-ethnische Weltgesellschaft nicht verklärt werden. Sie ist weniger mit dem Bild des Schmelztiegels, eher mit dem der Salatschüssel zu beschreiben, in der die kulturellen Identitäten farben- und konfliktreich neben- und gegeneinander existieren - doch nicht nur Toleranz und Freude an widersprüchlicher Vielfalt, auch Abschottung und Fremdenhaß wachsen. Diese Reaktionen zeigen keineswegs an, daß das multikulturelle Experiment gescheitert sei, wohl aber, daß auch die Deutschen in den Turbulenzen der Weltgesellschaft angekommen sind.

Ein Wettstreit der Gegenmeinungen, der alle fasziniert

Die Träger der Weltparteien, das nationalkulturell gefärbte und vervielfachte "Weltbürgertum" (Kant), darf allerdings auch nicht verwechselt werden mit dem Aufstieg einer globalen Managerklasse. Man wird zwischen global capitalist und global citizen unterscheiden müssen. Und doch kann man sagen: Der Aufschwung eines pluralen Weltbürgertums hat paradoxerweise den Wind des globalen Kapitals im Rücken. Denn der Bourgeois muß schon jetzt lernen, die Verfolgung seiner Eigeninteressen in transnationalen Bezügen zu planen, während der Citoyen immer noch in nationalstaatlichen Kategorien denkt und handelt.

Die Macht der Weltparteien wird schließlich nicht nur angezeigt durch ihre anfangs sicherlich geringen Mitgliederzahlen und Wählerstimmen, nein: Ihre Macht liegt in der Legitimität der Weltstimme begründet, mit der Weltparteien auch dort sprechen können, wo sie eine verschwindende oder sogar verfolgte Minderheit darstellen. Treffen sich Weltparteien, gleicht das einer Olympiade der Gegenmeinungen, die alle in ihren Bann zieht. Mit der Aufmerksamkeit der Welt aber findet und bindet die Weltminderheit der Weltbürgerinnen und Weltbürger die Aufmerksamkeit der Weltmacht massenmedialer Weltöffentlichkeit.