Als Jan Ullrich am vergangenen Samstag beim Zeitfahrprolog in Dublin zwischen Grafton Street Lawn und O'Connell Street über die ersten 5,7 Kilometer der Tour de France 1998 rollte, da erschien das über seinen Rumpf gespannte Gelbe Trikot wie eine Zusammenfassung von Vergangenheit und Zukunft. Ullrich trug es als Vorjahressieger. Das war wie zuletzt bei Indurain mehr als nur die übliche Geste.

Jan Ullrich ist vierundzwanzig Jahre alt und damit zwischen vier und zehn Jahre jünger als seine gefährlichsten Konkurrenten. Keiner von ihnen hat so viel Zukunft vor sich wie er. So war der Stand der Dinge am Start in Dublin, 3850 Rennkilometer vor Paris. Doch diese Tour fängt dreimal an.

Ullrich, sagen alle. Ullrich, denken seine Konkurrenten, während sie von sich selbst sprechen. Ullrich selbst sagt, es gebe zehn, die diese Tour gewinnen können. Walter Godefroot, Directeur Sportif des Telekom-Teams, lächelt dann in sich hinein.

Manchmal, erzählt Godefroot, komme Jan zu ihm und sage: "Mensch, die denken alle, ich kann fünfmal die Tour gewinnen." Und füge dann meist noch an: "Wenn ich sie dreimal gewinne, das wäre wunderbar." - "Er sagt nicht, ich bin froh, wenn ich in Paris wieder auf dem Treppchen stehe oder wenn ich meinen Sieg wiederhole. Nein, er sagt, wenn ich sie dreimal gewinne. Genauso muß ein Champion sein. Er muß sie so oft wie möglich gewinnen wollen."

Diese Tour fängt mehrmals an - dreimal auf der Straße und einmal vorher als Rechenaufgabe im Kopf. Die Sekunden, die Jan Ullrich in den Straßen Dublins gewinnen oder verlieren konnte, waren nichts, gemessen an dem Vorsprung, den er, nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres, schon vor dem Rennen besaß - über die beiden Einzelzeitfahren von insgesamt 110 Kilometer Länge. Gegenüber Richard Virenque, dem Vorjahreszweiten, war Ullrich 1997 im Zeitfahren pro Kilometer etwa drei Sekunden schneller; macht umgerechnet für dieses Jahr in der Summe fünfeinhalb Minuten. Vier Sekunden pro Kilometer war er schneller als Marco Pantani, was sich zu rund siebeneinhalb Minuten summiert gegenüber dem einzigen, der ihn im Hochgebirge abhängen konnte. Eine Sekunde pro Kilometer auf Olano und Berzin, eineinhalb auf Riis ergeben noch vor dem ersten Pedaltritt rechnerisch ein Zeitpolster von knapp zwei bis fast drei Minuten.

Kann Jan Ullrich es dem großen Franzosen Jacques Anquetil gleichtun, der die Tour fünfmal gewann und als überlegener Taktiker und überragender Zeitfahrer seine Toursiege wie Rechenaufgaben kalkulierte? Das ist eine der Fragen, wenn am Samstag in dem französischen Provinzstädtchen Meyrignac l'Église die am 11. Juli in Dublin gestartete Tour zum zweiten Mal beginnt: beim Einzelzeitfahren über 58 Kilometer.

Contre la montre - Kampf gegen die Uhr. "Stunde der Wahrheit". Allein mit sich, dem zu durchmessenden Raum, der verrinnenden Zeit, muß der Rennfahrer seine Kräfte so einteilen, daß sie im Ziel restlos aufgebraucht sind. Mythologisch ausgedrückt: Er führt den eigenen Rennfahrertod herbei.