Lord Beveridge hat im Kriege den Grundstein für diesen : SPlan gelegt, der mit dem englischen Zwiespalt aufräumen sollte, daß Armut zwar nicht unbedingt eine Schande, aber vielleicht doch eine Gottesstrafe sei. Mit seinem "Plan" ging Beveridge weit über seinen Auftrag hinaus, für die Engländer ein allgemeines Bild einer "besseren Welt" nach dem Kriege zu malen. Aber schon der Regierungsauftrag zeigt, wie stark die britischen Staatsmänner mitten im Kriege durch innerpolitische Strömungen bewegt wurden. Sie hatten sich mit dem Mißtrauen zu befassen, das breite Massen der Arbeitnehmer der Existenzsicherheit nach dem Victory Day entgegenbrachten. Die lässige Wirtschaftsführung nach dem ersten Weltkrieg, die eine ständige Arbeitslosigkeit von ein bis zwei Millionen Mensch als gegeben und unvermeidlich hinnahm, die auch Bergbaugebiete in Wales sowie Schwerpunkte der Eisenindustrie und des Schiffbaus in Nordengland und Schottland zu Notstandsgebieten machte – dies war der Nährboden für das dumpfe Mißtrauen, mit dem man einer neuen Nachkriegszeit entgegensah. Damals hatte in den Notstandsgebieten kein Unternehmen privatwirtschaftlichen Anreiz zur Betätigung gefunden und die "Gesellschaft" nur sehr spät ihre Verpflichtung zur "tätigen Hilfe", zur Schaffung von Arbeitsplätzen entdeckt, auf denen der Mensch sich bewähren und sich als nützliches Glied der Gesellschaft empfinden könnte. In diesem Versäumnis liegt das eigentliche Geheimnis für den überwältigenden Labour-Wahlsieg im Juli 1945.

Die Ausmerzung der unverschuldeten persönlichen Not -– das ist der Gewinn, den England errungen hat. Dieser Gewinn ist heute größer als in vielen kontinentalen Ländern, während England in den letzten 50 Jahren vielfach hinter ihnen zurückstand. Doch man fühlt sich auf der Insel in diesem "New Look"-Kleid noch nicht recht wohl. Nicht daß England sein "Großmut" reute. Aber die Rechnung muß beglichen werden, und zwar aus dem Sozialprodukt, aus dem Gesamtergebnis der Arbeit. Der Labour-Regierung kann bestimmt nicht vorgeworfen werden, ihre langjährigen Anhänger – deren Zahl weit geringer ist als die Zahl der Wähler aus Arbeiterschaft und Bürgertum im Juli 1945 – vernachlässigt zu haben. Ihre Gegner werfen ihr im Gegenteil ein zu doktrinären Gruppeninteresse vor, das nicht auf die veränderte, ärmere Gesamtwirtschaft gebührend Rücksicht nimmt. Und trotzdem ist die Arbeiterschaft, sind die Gewerkschaften ständig unzufrieden mit den Errungenschaften "ihrer" Regierung. Noch immer fühlt sich der englische Arbeiter passiv, unterdrückt, ausgebeutet. Dementsprechend reagiert er auf kleine Mißstände nicht mit der Beschwerde an vorhandene, meist leicht zugängliche Schiedsinstanzen, sondern mit der Waffe des Streiks. Im sozialisierten Bergbau gibt es oft inoffizielle Streiks auch größeren Umfangs, wenn auf einer einzigen Zeche einige Männer sich schlecht behandelt fühlen. Im gemeinwirtschaftlich betriebenen Londoner Hafen haben kürzlich 19.000 Mann durch Streik den gesamt Güterumschlag für mehr als zwei Wochen lahmgelegt, weil elf Mann eine Zulage für die schmutzige Arbeit des Löschens von Zinkoxyd verweigert worden war und ihre Arbeitsniederlegung mich der sicherlich zu harten Strafe von 13 Wochen Ausschluß von der Arbeit geahndet werden sollte. Der Streik ging auch weiter, als die Aussperrungsfrist auf zwei Wochen gesenkt wurde. er drohte, auf sämtliche großen Häfen überzugreifen. Appelle zur Vernunft ebenso wie die Androhung, Soldaten beim Löschen von Lebensmittelladungen einzusetzen, verfehlten ihren Zweck. Erst eine sehr männliche Rede des Ministerpräsidenten Attlee, der zum ungewöhnlichen Mitte des "Nationalen Notstandes" greifen wollte und das Ausbleiben der wöchentlichen Lohntüten ließen den Streik zusammenbrechen. Wo liegt der Fehlschluß, den der streikende oder sonst unzufriedene englische Arbeiter nicht sieht oder nicht sehen will? Teilweise sicherlich in der Verkennung der britischen Verarmung, die einen Ersatz der verlorenen Auslandskapitalien und ihrer sonst die Einfuhr bezahlenden Zinsen durch vermehrte Arbeit und Leistung, vor allem für den Export fordert. Darüber hinaus wird aber wohl das grundlegend veränderte Verhältnis zwischen Arbeitern und Wirtschaft übersehen. Das "Minderwertigkeitsgefühl" des Arbeiters, entstanden aus der feudalistischen Tradition, verschärft durch die Ausbeutung im Manchestertum des 19. Jahrhunderts, sollte durch die grundsätzlich erfolgte Anerkennung seiner Gleichberechtigung längst überholt sein, zumal jetzt, nachdem diese Gleichberechtigung längst überholt sein, zumal jetzt, nachdem diese Gleichberechtigung auf der neuen Plattform der sozialen Sicherheit fest verankert ist. Der überzeugte Marxist – es gibt nur wenige von ihnen in England – mag noch dem Mehrwert nachjagen, den er für die Arbeiterklasse sicherstellen will. Doch schon bei den bisher erfolgten Sozialisierungen in England zeigt sich, daß der "Unternehmer" als Funktion bleibt, auch wenn er jetzt als Diener des Staates und nicht mehr für eigene Rechnung um die Leistungsfähigkeit und die Rentabilität bemüht ist, bemüht sein muß, um die Konkurrenzfähigkeit der britischen Wirtschaft zu erhalten und zu erhöhen. Die parallele Entwicklung in den Vereinigten Staaten macht vielleicht deutlicher, worum es geht. Auch dort gibt es Lohnauseinandersetzungen, oft durch Streiks zugespitzt. Aber ein Gewerkschaftsführer wie John Lewis paßt stets die Gelegenheit ab, wenn die Leistungskurve der Gesamtwirtschaft aufwärts geht, um Vergünstigungen für seine Seite herauszuholen. Dafür kann er aber auch seinen Anhängern gegenüber ungefährdet das Wort von der Produktivität der Arbeit in den Mund nehmen. Denn in den USA empfindet sich der Arbeiter in seiner Gewerkschaft als ein kräftiger kleiner "Kapitalist" und ist unbeschwert von Minderwertigkeitsgefühlen. Es ist ein Geben und Nehmen, wohl auch einmal eine Spekulation auf die eigene Unentbehrlichkeit, aber gewiß nicht ein einseitig-mürrisches Fordern. Drüben mag das Arbeitsethos fehlen, das in Europa allzu lange, vor allem im Großbetrieb, mißachtet worden ist. Aber dafür ist es in den USA kein unbilliges Verlangen, der Arbeitnehmer möge nun auch im Interesse des Unternehmens und der Gesamtwirtschaft seine Leistung einsetzen.

In England – und auch sonst vielfach in Europa – klafft jedoch heute ein Widerspruch zwischen den Rechten, die dem Arbeiter von der Gesellschaft eingeräumt worden sind und seiner Bereitschaft zur Gegenleistung im Interesse der Gesellschaft. Zu Minderwertigkeitsgefühlen hat der Arbeiter heut in einem freien Land bestimmt keinen Anlaß mehr Er ist nicht als Ware, sondern als Mensch in seiner vollen Würde der eigentliche Träger der Wirtschaft. Doch in England zeigt sich in der Nachkriegszeit, wie stark das Mißtrauen des Arbeiters gegenüber "der Wirtschaft" noch ist – obwohl er doch Teil dieser Wirtschaft ist, die man auch als die Summe aller Arbeitsleistungen definieren kann. Für den englischen Kampf um die Existenz wird viel, wenn nicht alles davon abhängen, ob man den Arbeiter davon überzeugen kann, daß der Zeitpunkt gekommen ist, die Steitaxt zu begraben und die Wirtschaft als ein friedliches Werkzeug für den allgemeinen Wohlstand zu betrachten – der mit seinem eigenen Wohlstand identisch ist.

Diese Rubrik wird betreut von Jeannine Kantara