Es mag etwas verwegen erscheinen, die Figur Andy Warhols nach ihrem Einfluß auf die Mode zu befragen, aber Warhols letzter Auftritt, ein paar Tage vor seinem Tod im Jahr 1987, war auf einer fashion show in New York. Er trat als Model auf. Tatsächlich konnte man Warhol, damals war er schon über fünfzig Jahre alt, bei der Männeragentur Zoli aus Model buchen. Die deutsche Männer Vogue brachte Warhol seitenweise als Brillenträger; eine Anzeige für Manhattans Elitekaufhaus Barney's zeigte ihn in einer "Jäger"-Strickjacke, und auch Sony wollte auf den Herrn mit der weißlichen Perücke nicht verzichten, um Fernseh- und Videoequipment an den Kunden zu bringen.

Die Ausstellung "The Warhol Look" wurde am Andy Warhol Museum in Pittsburgh, Pennsylvania, auf den Weg gebracht, wo sie im nächsten Frühjahr zu sehen sein wird. Auf der Welttournee, die bis nach Australien reicht, macht die Ausstellung zur Zeit im Londoner Barbican Centre Station.

In einer Art Rückblende wird Warhols frühes zeichnerischen Auftragswerk dagegengesetzt: Illustrationen von Schuhmoden, mit zwei Techniken war Warhol dabei: verblüffende Vereinfachungen und rankendes Schmuckwerk. Das Anrührende ist der Fetischismus, der den Zeichner treibt und beflügelt. Aber wäre er ihm gefolgt - als 27jähriger hatte Warhol in Manhattan das Jahresgehalt eines Managers -, wäre er auch mit dem Niedergang der Werbeillustration ins Abseits gerutscht.

Sehr geschickt zitiert die Ausstellung den krassen Stil der Pop-Ära, mit seinem scharf geschnittenen Nebeneinander von schwarzweißen Photographien und farbigen Moden und Interieurs. Beide Tendenzen der Boheme sind spürbar, der Wunsch nach dem großen Auftritt und das Lichtscheue der Drogenszene, deren Jalousien erst nach Mittag umgeklappt wurden. Mit leichter Hand wurden die Alltagsmoden, die New Yorker Couture und die Siebdruckgemälde zueinandergerückt, ergänzt durch umfangreiche photographische Dokumentationen. Um Warhol herum gab es eine ganze Reihe junger Photographen - Stephen Shore, Nat Finkelstein, Christopher Makos. Fast alle haben später Bücher über diese Zeit gemacht. In London sieht man ganze Serien erstklassiger Abzüge, auch die gleißenden, überblendeten Factory-Szenen des Intimus und Assistenten Billy Name (ein Künstlername).

Die kleine Clique kreativer Homosexueller umgibt sich mit Vorzeigefrauen. Allen voran Edie Sedgwick, eine pausbäckige Blondine mit sehr ruhigen Augen. Warhol hat sich seine aufsteigende Warhola-Nase inzwischen chirurgisch verknappen lassen. Auf einem Partyphoto von David McCabe, 1964, sind Warhol und Sedgwick als lachendes Paar gezeigt, das überzeugend Jet-set spielt und Mann und Frau. Edies Nachfolge - verletzbare weibliche Eleganz - tritt Candy Darling an, ein Transvestit, dessen Traum von der perfekten falschen Femininität Warhol eine Bindung gab.

Für seine Klatschillustrierte Interview erfand Andy Warhol das Prominenteninterview und neue Wege, Prominenz zu schaffen. Auf das Couture-Model Lauren Hutton wurde Candy Darling losgelassen, dem Interview war folgende Bemerkung vorweggeschickt: "Hier sitzt Lauren Hutton, daß ihr es wißt, mit etwa zwei Pfund Make-up drauf und zwei Sätzen Wimpern dran. Also, ich könnte meine Initialen in ihr Gesicht eingravieren, und vielleicht mache ich das auch." Im November 1972 findet man sie auf dem Titel des Cosmopolitan wieder - nicht Hutton, sondern Candy Darling. Warhol wollte dabeisein im Mainstream, aber als Dissident des guten Geschmacks.

Die große Revue im Barbican Centre ist präzise in den Etiketten und in den wenigen erläuternden Texten, die vier Themen erörtern: den Silver Factory Style, Drag (Fummel) und Transformation, Interview und Uptowndowntown. Ergänzt durch vier gelbe Telephonhauben, unter deren Schutz man Warhols betörend nichtssagender Konversation lauschen kann, ist zu beobachten, wie die Factory von einer Brutstätte des Abstrusen - ein Abendkleid aus Brillo-Schachtel-Motiven, unten viereckig im Format des Waschmittelkartons ausgestellt - zu einem Schauplatz der Moderne wird, einem Zentrum, in dem das global wirksame Manhattanesisch am flüssigsten gesprochen wird. Wenn man die Transformation datieren will, markiert das Attentat auf Andy Warhol im Juni 1968 den Beginn der neuen Zeit.