Eklig sein! Mit hemmungslosen Grölchören die Leute anmachen. Nackte Frauen in Käfigen tanzen lassen. Einen überdimensionalen Penis auf die Bühne hieven. Die Bierdose schütteln, bis das Budweiser spritzt. So wurden die Beastie Boys 1986 berühmt. "Licensed to Ill" hieß ihre Platte. Metallisches Gitarrenwummern, doppelt verstärkter Hammer-HipHop, Haß- und Spaßparolen: Ein Prollkommando auf dem Weg zur Hölle. Krankheit, Wahnsinn, White Trash.

1998 heißt es wieder: Hallo Ekel! "Hello Nasty", grüßt die neue CD der Beastie Boys. Doch das Szenario hat sich gewandelt. Zwar herrscht auch hier zu Beginn Alarmstimmung mit Sirenengekreisch und aufgeregt skandierenden Stimmen. Doch mitten in die bleifüßigen Beats und die aggressiv rappelnden Scratch-Effekte mischt sich plötzlich ein zart plinkerndes Spinett. Ein Saiteninstrument zirpt abstrakt wie in einer seriellen Komposition, ein uralter Moog-Synthesizer zwitschert, Bongotrommeln klöppeln geisterhaft. Und dann legt ein akustischer Baß los, als suchte der von den Toten auferstandene Charles Mingus den Dialog mit dem brat pack aus Manhattan. Nichts stimmt mehr, und trotzdem ist alles richtig: Das Universum der Beastie Boys expandiert. Im Rückblick enthüllt sich die Ekelinszenierung der frühen Jahre als Maskerade, die einen viel delikateren Geschmack verbarg.

Daß die drei Beastie Boys Adam Horowitz, Mike Diamond und Adam Yauch nicht aus der Gosse stammen, sondern aus gediegenen jüdischen Haushalten der Upper West Side, ist längst bekannt. Daß sie von Beginn an mehr sein wollten als der Partywitz der Saison, zeigt ihre Karriere nach "Licensed to Ill". Die zweite Platte "Paul's Boutique" zersplitterte die Knaller und Kracher des Debüts zu einem Scherbenhaufen aus Samples. Ein fragmentarisches Werk mit Kunstanspruch, das die Budweiserianer in Scharen vertrieb. Mit einem raffiniert balancierten Mix aus Punk, Funk und Rare Groove auf "Check your head" (1992) wurde verlorenes Territorium zurückgewonnen, auf "Ill Communication" (1994) die neue Superformel verfeinert. Die HipHop-Band Beastie Boys entwickelte sich zu einem kleinen Unterhaltungsmischkonzern mit einer Zeitschrift und einem Label unter dem Namen Grand Royal und einer eigenen Modelinie.

Die Gruppe selbst benötigte vier Jahre, um sich zu einem neuerlichen Statement durchzuringen, gerade noch knapp vor der Jahrtausendwende. Und man glaubt auf "Hello Nasty" den Druck dieses Datums zu spüren: Prallvoll ist die Wundertüte, ein Kompendium aus vierzig Jahren Popgeschichte. Noch einmal soll strahlen, was drei Generationen von Teenagern durch die Nöte und Ängste der Adoleszenz getragen hat, bevor alle Computer auf Null schalten. Zwanzig von den rund siebzig Minuten Spielzeit der CD kann man gleich streichen: Zu widerstandslos lehnen sie sich an bekannte Erfolgsmodelle der Popmusik wie Santana oder War an. Doch der Rest hat es in sich. Hier werden Klangwelten auf gleiche Umlaufbahn gezwungen, die sich sonst nur von ferne grüßen: Psychedelische Purpurnebel mit elektrischem Sitar, elektronische Blubber-Science-fiction, abenteuersüchtiger Avantgarde-Jazz von der Lower East Side.

Nun ist Eklektizismus per se keine große Neuigkeit, doch die Beastie Boys schaffen es, das althergebrachte Projekt der liedorientierten Rock-Erregung auf ihre Partikelkunst zu übertragen. Normalerweise war es immer die verzerrte und zügellos aufheulende Sologitarre, die das schlichte Gewebe eines Drei-Akkorde-Songs zerriß, um ein Jenseits der reinen Klanglust zu erreichen. Die Beastie Boys überlassen dieses Erosions- und Zerstörungswerk dem DJ Mixmaster Mike von der Plattentellervirtuosencrew Invisibl Skratch Piklz, der eine Symphonie aus Pfeifen, Brummen, Knarren und Schaben beisteuert und die alte Rock-Dialektik von Bündelung der Kräfte und Zerfall auf ein neues Niveau hebt.

"Hello Nasty" ist harte, lebenssatte Männerarbeit, doch die Beasties bestehen darauf, weiterhin Boys genannt zu werden, obwohl sie längst die Dreißig überschritten haben. Bubentum als Lebensstrategie unter Mißachtung des biologischen Alterungsprozesses, endlose Pubertät als Aufkündigung des contrat social mit einer Gesellschaft, der es beliebt, ihre Mitglieder in Verwaltungs- und Produktionsapparaten ruhigzustellen. Deshalb reden die Beastie Boys in Interviews lieber über Kiwi-Früchte, Tofu-Snacks und Snowboards als über ihre Kunst.

In ihrer öffentlichen Performance als mobile Verunsicherungseinheit erfinden sie eine neue Version des Hipsters, jener legendären Boheme-Figur aus den fünfziger Jahren, über die Norman Mailer geschrieben hat: "Er ermuntert den Psychopathen in sich, um das Feld, in dem Ruhe nur Langeweile bedeutet, für Experimente zu nutzen." Die Beastie Boys selbst formulieren es bündiger: "Some like it hot, others like it cold, but we all want to hold the remote control."