Nikolaj Romanow: Henker oder Heiliger, Bluthund oder gottgesalbter Zar - zwischen diesen Extremen bewegen sich die Urteile, die über den letzten Herrscher aller Reußen in die Geschichtsbücher eingegangen sind. Das Zerrbild von der Verbrechernatur des entthronten Kaisers war von den Bolschewisten festgeschrieben worden, die den verfemten Mann mit Frau und Kindern, Leibarzt, Koch und Zofe im Juli 1918 durch Jekaterinburger Tschekisten niedermetzeln ließen. Nur der Küchenjunge blieb verschont.

Das Bild vom Märtyrer-Zaren war in der russisch-orthodoxen Auslandskirche aufgekommen sie hat die ermordete Familie schon lange in ihre Gebete eingeschlossen. Und so wird, was von den Toten übrigblieb, jetzt feierlich in der Sankt Petersburger Festungskathedrale, der Grablege des Herrscherhauses, beigesetzt.

Über dem letzten Romanow hat, um das mindeste zu sagen, kein guter Stern gestanden. Verhängnis, Schuld und Unvermögen greifen in diesem Leben ineinander. Daß es eine Bürde war, in Rußland Zar zu sein, mußte Nikolaus bereits als Kind erfahren. Im März 1881 hatte man den Dreizehnjährigen an die Bahre Alexanders II., seines Großvaters, geführt, der von einer Terroristenbombe zerrissen worden war. Doch anders als dieser "Zar-Befreier", dem die Bauern das Ende der Leibeigenschaft verdankten, war sein Nachfolger, der Vater Nikolaus', gegen liberale Versuchungen gefeit.

Alexander III. und seine dänische Gemahlin, Maria Fjodorowna, ließen ihren Sohn in konservativem Geist erziehen, in der Glaubensgewißheit, daß die sakrale Würde der Autokratie um der Einheit und Unteilbarkeit Rußlands willen unantastbar sei. Nikolaus, der an seinem Vater mit allen Fasern hing, hat das Zarenamt denn auch zeitlebens als heilige Verpflichtung aufgefaßt, als Schickung Gottes, dem allein er Rechenschaft zu geben habe.

Wesentlich mehr hatte der junge Mann, der nur unter Regimentskameraden frei zu atmen schien, von seiner künftigen Bestimmung nicht begriffen, als er im Oktober 1894, sechsundzwanzigjährig, unversehens auf den Thron geriet. Von der Last der Staatsgeschäfte im Zeitalter der Eisenbahnen, des Wettrüstens und der Arbeiterbewegung war ihm nur eine blasse Ahnung aufgegangen. Seine Lernfähigkeit blieb gering. Minister, vor allem solche staatsmännischen Formats, wie Sergej Witte, der Architekt der russischen Industrialisierung, und Pjotr Stolypin, der das aufgewühlte Reich nach 1905 mit Standgerichten pazifizierte, konnten der Loyalität ihres Herrn nie sicher sein. Abwehrend und verschlossen pflegte er zu reagieren, wenn er sich überfordert fühlte.

Seit dem Petersburger Blutsonntag im Januar 1905, als bei einer Bittprozession zum Winterpalais über hundert Menschen unter den Schüssen des Militärs verendet waren, saß dem Zaren die Revolutionsfurcht in den Adern.

Der Massenaufruhr, den diese Tragödie anstieß, hat vom Mythos der "Einheit zwischen Zar und Volk" nur schmerzliche Erinnerungen zurückgelassen. Den Herrscher schienen die Opfer, die in die Tausende gingen, nicht sonderlich zu rühren. Keinen Zweifel wollte er sich daran gestatten, daß das rechtgläubige Volk im Kern gesund und ihm in untertäniger Liebe treu ergeben sei. Und solche Ergebenheit ließ sich noch immer effektvoll inszenieren: Bei Heiligsprechungen auf dem Lande konnte man die Volksmenge vor der Majestät des Zaren wie eh und je in frommer Demut auf die Knie sinken sehen. Dazu kam die Neigung Nikolaus', Selbstversicherung im Spiegel der Geschichte zu suchen. 1913, bei den Dreijahrhundertfeiern der Dynastie, wurde die Berufung des ersten Romanow vom Zaren selber in moskowitischen Kostümen nachgespielt.