Zwischen kilometerhohen Wolkenkratzern, umschwirrt von futuristischen Flugobjekten, verlieren sich Menschen in Häuserschluchten. Die Gebäude sind atemberaubend - verspielt und gewalttätig zugleich. Erbaut im Stil des Art deco, erinnern viele Hochhäuser an die Chicagoer Schule, andere wirken wie gen Himmel gestreckte Gewächshäuser des Jugenstils.

Bedrückend schön sind die Visionen des belgischen Comiczeichners François Schuiten, der diese Städte schuf. Seit sechzehn Jahren nimmt er seine Leser mit auf die Fahrt in eine phantastische Gegenwelt und dokumentiert seine Begegnungen mit ihren schrägen Bewohnern. Nun hat er gemeinsam mit dem Texter Benoît Peeters den ersten Reiseführer durch die "Geheimnisvollen Städte" herausgegeben.

Schuitens Storys schweben zwischen Jules Verne und Stanley Kubrick, "Metropolis" und "Das fünfte Element". Der "Führer durch die geheimnisvollen Städte" sortiert für Besucher die fiktiven Fakten dieser Welt. Entstanden ist eine Mixtur aus illustrierter Reisereportage, informativem Touristenführer und detailversessener Bilderlandschaft.

Wie in einem Baedeker finden sich Kapitel über die historische und politische Entwicklung der Städte, dazu Ausgehtips, ein Personenlexikon und Hinweise zum Umgang mit den Bewohnern der Gegenwelt. Die ersponnenen Sehenswürdigkeiten werden je nach Bedeutung mit einem, zwei oder drei Sternen versehen: Die Ruinen von Libussa etwa erhalten zwei Sternchen, der Palazzio von Alaxis dagegen drei, besonders sehenswert sind hier "die reichen Deckenverzierungen und die zwei Skulpturengruppen im Treppenhaus". Verfremdete Photographien, Stadtpläne und Landkarten vervollständigen den Reiseführer zu einem Sammelsurium von kuriosen Anekdoten und pseudowissenschaftlichem Geschwätz.

Gedacht ist das Buch als Begleitlektüre zum eigentlichen Hauptwerk des Zeichners, dem Zyklus "Die geheimnisvollen Städte", der bislang acht Folgen umfaßt und mehrfach ausgezeichnet wurde. In der manirierten Ästhetik des Fin de siècle läutet Schuiten darin das Ende des Individuums ein: Seine Protagonisten scheinen ihrer künstlichen Umwelt hilflos ausgeliefert zu sein, sie irren entwurzelt durch Betonstädte babylonischen Ausmaßes.

Aus seinem neuesten Werk spricht aber nicht nur die Angst vor der Gigantomanie moderner Stadtplanung, sondern auch eine naive Begeisterung für die Wissenschaft und Technik des späten 19. Jahrhunderts: Penibel werden Uhrwerke nachgezeichnet, Käfer klassifiziert und Konstruktionszeichnungen von Zeppelinen dokumentiert.

Auch außerhalb der Comicwelt sorgt Schuiten für Aufsehen. 1995 durfte er eine Pariser Metrostation zu einem gewaltigen Stahlkoloß verfremden: In der Station Arts et Métiers fühlt man sich gefangen im Bauch der Stadt, aus der Decke ragen riesige Zahnräder, die Bahnschienen erscheinen als Fließbänder, die Züge als Kolben einer unterirdischen Dampfmaschine. In Sevilla war Schuiten 1992 mit der Innengestaltung des Expo-Pavillons von Luxemburg beauftragt, bei der Weltausstellung in Hannover wird der Bereich "Zukunft der Vergangenheit" von Schuiten designed.