War's der Frühling? Fangen die Landschaften in Ostdeutschland tatsächlich zu blühen an? Oder schönt der Wahlkampf die Realität? Plötzlich geht es der ostdeutschen Wirtschaft besser, überwiegen die positiven Nachrichten. "Der Aufschwung Ost gewinnt an Dynamik", meldet die Wirtschaftswoche. "Industrie im Aufbruch", verkündet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und rechnet vor, daß die neuen Bundesländer "in Sachen Wachstum wieder auf der Überholspur" sind. Der Beleg: "Im ersten Vierteljahr 1998 hatten sie mit vier Prozent gegenüber Westdeutschland (3,8 Prozent) knapp die Nase vorn."

Dabei galt als ausgemacht, daß der Aufholprozeß der ostdeutschen Wirtschaft vorerst zu Ende ist. Noch im Mai hatte das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) auf weiter steigende Arbeitslosigkeit verwiesen und daraus den Schluß gezogen: "An diesem Gesamtbild wird sich aller Voraussicht nach auch im laufenden Jahr nicht viel ändern, und das fördert pessimistische Erwartungen über die weitere Zukunft der Wirtschaft in Ostdeutschland." Und nun plötzlich die Wende?

Richtig ist, daß die Industrie im ersten Quartal dieses Jahres beachtliche Zuwachsraten schaffte: zum Beispiel 14,6 Prozent in Brandenburg, 12,2 Prozent in Thüringen. Beachtlich auch, daß dieser Aufschwung höheren Exporten zu verdanken ist. Allerdings: Der Beitrag der Industrie zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist immer noch sehr schwach, und gerade in der Industrie bedeutet mehr Produktion nicht zwangsläufig mehr Arbeitsplätze.

Überhaupt hält sich die Dynamik in Grenzen. Hubert Gabrisch, im IWH der Fachmann für Mittel- und Osteuropa, hat die Entwicklungen in Ostdeutschland und Polen verglichen und kam zu einem verblüffenden Ergebnis: "Das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt wird 1998 noch nicht ganz das Niveau von 1989 erreicht haben

das polnische BIP wird dagegen bereits um 18 Prozent über dem Niveau von vor Beginn der Transformation liegen."

Während also Polen den wirtschaftlichen Einbruch durch den Systemwandel klar überwunden hat, hinkt Ostdeutschland noch der Wirtschaftsleistung der Vorwendezeit hinterher. Mit anderen Worten: In Polen hat sich der selbsttragende Aufschwung eingestellt, der in Ostdeutschland schmerzlich vermißt wird.

Nur zwischen 1992 und 1995 erlebte die ostdeutsche Wirtschaft eine kurze Blüte. Polen hingegen verzeichnet seit 1992 ein stetiges Wachstum