Gibt es noch einen genuinen sozialdemokratischen Politikentwurf? Ralf Dahrendorf hat bereits vor über einem Jahrzehnt das vorgebliche Ende der historischen Mission der Sozialdemokratie nicht zuletzt damit begründet, daß deren wichtigste Ziele verwirklicht seien.

Thomas Meyer, stellvertretender Vorsitzender der Grundwertekommission der SPD und einer ihrer führenden Theoretiker, führt das Ende der sozialliberalen Koalition 1982 und die Niederlagen der SPD in den Bundestagswahlen seither auf deren Unvermögen zurück, die durch die Gründung der grünen Partei verstärkte Kluft zwischen den an Wachstum orientierten "Traditionalisten" und jenen Sozialdemokraten zu schließen, die für eine ökologisch orientierte Wende auf zahlreichen Feldern der Politik eintra ten.

Auch wenn der empirische Nachweis für diese These letztlich nicht erbracht werden kann, steht eines fest: Das in großen Teilen der "neuen sozialen Bewegungen" vorhandene fundamentalistische Verständnis von Politik, das für als existentiell wahrgenommene Lebensfragen Mehrheitsentscheidungen nicht akzeptierte, machte damals ein Bündnis der SPD mit diesen Gruppen extrem schwierig, wahrscheinlich unmöglich. Ob das heute anders ist, wird sich - vielleicht ab Herbst 1998 - erweisen müssen.

Meyer schildert ausführlich die Lernprozesse, welche die Sozialdemokratie in Deutschland und in Europa seit dem Ersten Weltkrieg durchlaufen mußte, bis sie ihren ursprünglichen Glauben aufgab, einmal an der Macht, werde sie die Menschheit von den gesellschaftlichen Widersprüchen erlösen können.

Informativ ist auch die Darstellung des gesellschaftlichen Wandels in den beiden letzten Jahrzehnten und von dessen Folgen für das Wählerverhalten und die Politik: von der Herausbildung neuer sozialmoralischer Milieus und der Individualisierung der Lebensstile über den schwindenden Einfluß nationaler Politik auf die binnen- und noch mehr auf die außenwirtschaftlichen Prozesse bis hin zum Spannungsfeld von Integrationsverlangen und jeweiligem kulturellen Eigensinn einer in Teilen multiethnisch gewordenen Gesellschaft.

Ausgehend vom Berliner Grundsatzprogramm von 1989, entwirft er schließlich ein Zukunftsprofil "sozialdemokratischer Identität" auf sechs Feldern: Beschäftigung und soziale Sicherheit, ökologisch verantwortetes Wachstum, Aktivierung zivilgesellschaftlicher Teilhabe, kulturelle Toleranz, die globale Geltung von Menschenrechten und Demokratie, schließlich eine Politik der differenzierten Gleichheit.

Die von anderen Sozialwissenschaftlern als Kompensation für die schwindende Bindekraft von Sachprogrammen geforderte Herausstellung von Spitzenkandidaten mit Ausstrahlung über die Parteigrenzen hinweg lehnt der Autor als "Clintonisierung" und "Medienbonapartismus" ab. Es ist deshalb nur konsequent, wenn er den "redlich" argumentierenden französischen Ministerpräsidenten Jospin für glaubwürdiger hält als den "Mediencharismatiker" Tony Blair. Wer unter den führenden deutschen Sozialdemokraten seine Sympathien genießt - Lafontaine oder Schröder -, ist unschwer auszumachen. Schröder kritisiert er mehrfach wegen dessen Äußerung, es gebe heute keinen Platz mehr für eine spezifisch sozialdemokratische Wirtschaftspolitik, sondern nur noch für eine mehr oder weniger moderne.