Ein milder mediterraner Frühsommerabend. In zarten Rot- und Orangetönen bricht sich das Licht. Vom nicht sehr fernen Meer her streicht ein leiser Wind um die Sandsteinfassaden. Und überall locken geheimnisvolle Düfte. Eine Aura, wie sie der Himmel über Aix-en-Provence nahezu jeden Abend in die Landschaft zaubert. Eine Atmosphäre zum Schwärmen, zum Verlieben. Dabei blicken wir eigentlich nur auf eine Opernbühne: Es sind die Scheinwerfer des Freilufttheaters von Aix, die die Szenerie in ein so warmes Licht tauchen. Es ist die Naturkulisse des erzbischöflichen Palais, um die der Wind so zärtlich streicht. Und es ist der Schwärmer Don Giovanni, der immer wieder mit geschlossenen Augen ganz tief durch die Nase einatmet - den Duft von Leben, Liebe und Frauen. Wie er dieses südliche Flair mit allen Sinnen aufnimmt, wie er sich berauschen kann am süßen Aroma jeder aufkeimenden Leidenschaft. Ein sensibler Genießer ist er. Ein junger Gott in Frankreich.

Als kalten Zyniker, den nichts mehr reizen kann, haben wir den Don Giovanni schon auf der Bühne gesehen und als virilen Latin Lover, der seine sadistischen Machoallüren pflegt, als dämonisch unbehausten Unflat und als alternden, einsamen Casanova. Aber so juvenil, so schwärmerisch und feinsinnig wie in Aix-en-Provence ist er uns noch nie begegnet. Wie ein naher Verwandter des jungen Werther wirkt er auf den ersten Blick in seinem hellen Leinenanzug, mit seinen schlaksigen Bewegungen. Viel zu lieb für den großen Sünder. So einem traut man eher zu, daß er heimlich Gedichte schreibt, statt die Frauen reihenweise ins Unglück zu stürzen. Doch wer genau hinsieht, kann in seinem Gesicht auch ganz andere Züge erkennen: losgelassene Wut, banges Entsetzen und eine diabolische Euphorie, die ihm nach dem Mord an dem Komtur in jäher Folge in die Glieder fahren. Oder den eisigen Blick des Jägers, der sein Wild erlegt hat, wenn er die scheue Zerlina nach galantem Werben endlich in den Armen hält. Sogar beim scheußlichen finalen Handschlag huscht für einen Augenblick noch ein genießerisches Lächeln über sein Gesicht. All das sind nur unscheinbare Momentaufnahmen. Schnell vorbei, schnell übersehen.

Aber gerade in ihnen blitzt der unendlich reiche, universelle Gefühlskosmos dieser Mozart-Oper auf. Kleine erhellende Augenblicke in einem großen Opernabend.

Peter Brook hat inszeniert, einen seiner raren Ausflüge ins Musiktheater nach den traumwandlerischen "Impressions de Pelléas" vor sechseinhalb Jahren, nach seiner legendären "Carmen" aus dem Jahr 1983. Und wie nicht anders zu erwarten, hat er auch aus Mozarts "Don Giovanni" eine stille, genaue Menschenstudie gemacht. Nicht die flackernde, spektakelnde Höllenfahrt eines Wüstlings ist da zu erleben, sondern eine Mozart-Meditationsstunde in südfranzösischer Milde. Jede Form von äußerlicher Welt, alles kulissenhafte Als-ob bleibt verbannt aus dieser Aufführung. Der Bühnenquader im Théâtre de l'Archevêché von Aix ist nahezu leer. Nur ein paar Bänkchen, Tische und lange Holzstangen in roter, grüner und blauer Farbe strukturieren die Spielfläche.

Ein Kinderzimmer, in dem Theater nur mit Luft und Phantasie entsteht. Auch die gesellschaftlichen Strukturen in dem Stoff, die Fragen nach Standeshierarchien, Machtverteilung oder dem nahen Untergang des Feudalismus interessieren Brook nicht. Für alle Figuren hat er von Chloé Obolensky eine elegante, freundliche Alltagskleidung ohne historische Bezüge schneidern lassen. Brook will das Stück, will Mozart und seine vielschichtig empfindenden Individuen ganz aus sich selbst heraus sprechen lassen, macht die Sängerdarsteller zum alleinigen Medium seiner Bühnenkunst und entwickelt ein Musiktheater, das ganz bei sich ist. Konzentriert und puristisch, somnambul selbstversunken und hellwach zugleich.

Zum Beispiel gleich in der zweiten Szene: Don Giovanni und Donna Anna im Nahkampf ihrer Leidenschaften. Wie da die Stimmungen in Sekundenbruchteilen umschlagen von Hingabe in Verachtung und zurück in Begehren, wie sich die wissenden Blicke treffen, sich die Erregung im Gesicht des Gegenübers spiegelt: ohne jedes Pathos, mit gleichsam gelebte Natürlichkeit. Zum Beispiel die Champagnerarie, die in ein schlichtes, schlagendes Bild gefaßt ist: Als wolle er die ganze Welt aus den Angeln heben, reißt Don Giovanni einen der langen, schweren Holzstäbe aus der Verankerung und balanciert ihn auf dem Finger. Zum Beispiel Donna Elvira, in der die Verletztheit über ihre verratene Liebe von Szene zu Szene wächst.

Wobei sich die Figuren bei Brook - im Gegensatz zu dem "Don Giovanni", den Patrice Chéreau vor vier Jahren in Salzburg inszeniert hat - nie in düsteren Einsamkeitsszenarien verlieren: Sein Mozart-Ensemble bleibt immer als übergeordnete Menschengemeinschaft zu erkennen, sosehr die einzelnen auch in Konflikte verstrickt sind. Immer wieder sieht man in dieser Inszenierung alle Akteure auf der Bühne. Wer nicht singt, nimmt auf dem Bänkchen im Hintergrund Platz und lauscht dem Geschehen. Sogar am Schluß: Nachdem der Don sich vergeblich an eine nach oben fahrende Holzstange geklammert hat und so mehr symbolisch als real zur Hölle gefahren ist, kommt er zum Schlußsextett gemeinsam mit dem Komtur noch einmal zurück auf die Bühne und lauscht ernst den Überlebenden. Und die sind glücklich, sitzen am Tisch und legen freundschaftlich die Hände übereinander.