Die französische Verfassung sieht vor, daß der Staatspräsident in bestimmten Ressorts allein regiert. Die Kultur gehört nicht dazu, wie Jacques Chirac in diesen Tagen schmerzlich erfahren hat. Bis zuletzt haben "Matignon" und "Elysee", die Emissäre der linken Regierung und des rechten Staatspräsidenten, in langen Sitzungen erbittert gekämpft um den Standort für ein neues Musée des Arts et des Civilisations (MAC) in Paris.

Das Museum ist das große kulturpolitische Zeichen, das Jacques Chirac der Hauptstadt und der Nation hinterlassen möchte. Es soll ein Völkerkundemuseum neuen Stils sein, ein Ausstellungs- und Forschungszentrum auf insgesamt 35 000 Quadratmeter Fläche. Aus schlechten Gründen ist es von Anfang an viel bespöttelt worden: Chirac wolle bloß dem Stadtbild ein dauerhaftes Zeichen seiner Präsidentschaft hinzufügen nach dem Vorbild seiner Vorgänger Georges Pompidou (Centre Pompidou), Valéry Giscard d'Estaing (Musée d'Orsay) und François Mitterrand, dessen Amtszeit von einem halben Dutzend grands projets begleitet war.

Tatsächlich hat Chirac mit dem Museum ein wichtiges Thema in die Hand genommen: die Neuordnung des Verhältnisses zwischen Frankreich und den Kulturen anderer Kontinente. Politisch geschieht dies gleichzeitig mit der Verabschiedung eines neuen Statuts für Neukaledonien. Der Kolonialherrenblick soll zum Millenniumswechsel aber auch auf symbolischer Ebene verabschiedet werden. Das ist noch nicht geschehen, wie schon die Schwierigkeit verrät, das neue Pariser Museum mit einem passenden Namen zu versehen: Soll es am Ende wirklich Musée des Arts Premiers, Museum für "Primitivkunst", heißen?

Paris verfügt über umfangreiche Bestände, die in diesem Haus zusammengefaßt werden sollen. 300 000 Objekte sind zur Zeit im Musée de l'Homme untergebracht, 40 000 im Musée des Arts d'Afrique et d'Océanie, beide ein Erbgut der französischen Kolonialgeschichte. Ein Blick auf die Vorgeschichte und den der Sammlungen genügt, um jeden Zweifel an der Notwendigkeit von Chiracs Vorhaben zu beseitigen.

Das Musée des Arts d'Afrique et d'Océanie wurde 1931 im Rahmen der Internationalen Kolonialausstellung eröffnet. Die Wandfresken in dem - leicht heruntergekommenen - Museumsbau zeigen die heile Welt von damals, gute Neger und weiße Herrschaften. Gebäude und Sammlung bilden ein Gesamtkunstwerk, das atmosphärisch schlecht in die Gegenwart paßt. Aber auch im Musée de l'Homme am Trocadéro ist die Zeit über die Ausstellung hinweggegangen, der Wert der einzelnen Stücke geht unter in einer Folge von Sammelsurien. Farbe blättert von der Decke, im Parkett sind Stäbe herausgebrochen, das Linoleum wellt sich.

Inspirator - ein anderer Begriff paßt auf den Mann nicht - des neuen Völkerkundemuseums ist Jacques Kerchache, ein persönlicher Freund des Staatspräsidenten. In der Museumswelt der Konservatoren wird er als eine Art arrivierter Kunstgewerbekrämer verachtet, umgekehrt hat Kerchache aber auch keine Achtung vor "Leuten, die das westliche Wertsystem durch das Projekt bedroht sehen".

Kerchache ist bis 1981 vor allem Kunsthändler gewesen, hat dann einen Prachtband über afrikanische Kunst mit herausgegeben. In Paris ist er auch als Ausstellungsmacher und Leihgeber aufgetreten, etwa mit "être nature" in der Fondation Cartier. Kerchache ist Mitglied der zwanzigköpfigen Vorbereitungskommission des Museums, die von Jacques Chirac eingesetzt wurde.