Politische Utopien stehen gegenwärtig nicht hoch im Kurs. Der amerikanische Dichter Walt Whitman konnte in seinen Gedichten "Grashalme" (1872) noch von einem Land singen, das tolerant sei und empfänglich für alles - "land tolerating all, accepting all. Land in the realms of God to be a realm unto tyhself". Er meinte damit die Vereinigten Staaten von Amerika.

Heute, am Ende des kurzen Jahrhunderts fällt es schwer, das Pathos eines Whitman aufzubringen. Auch der nordamerikanische Historiker und Philosoph Michael Walzer kann das in seinem Buch "Über Toleranz" nicht mehr. Toleranz ist für Walzer kein Allheilmittel, sondern bloß eine Bedingung für das friedliche Zusammenleben.

Mit "Toleranz" meint Walzer nicht so sehr die Duldung verrückter Einzelgänger und unangenehmer Nachbarn. Die Toleranz, um deren Voraussetzungen, Formen und Grenzen es ihm geht, ist eine Toleranz gegenüber Staaten, kulturellen Gruppen oder Individuen, die Gruppen angehören. Gruppen tolerieren besagt, daß Minderheiten ihre Sprache sprechen dürfen, zum Beispiel die Basken, die Kurden

oder daß bei Daimler-Benz Gebetsräume für Arbeiter muslimischen Glaubens eingerichtet werden.

Walzer rückt die Gretchenfrage "Wie weit soll die Toleranz gehen?" nicht in den Mittelpunkt seines souveränen Essays, der mit dem Mittel der dichten Beschreibung politischer Phänomene arbeitet. Er beantwortet die Frage jedoch auf der Ebene des Einzelfalls in dankenswerter Klarheit. Das heißt: Im Verhältnis zwischen den Staaten schließt die Duldung unterschiedlicher Regierungsformen nicht die menschenrechtliche Intervention aus. Auch zwingt der Respekt vor kultureller Verschiedenheit kein Land dazu, auf einen minimalen allgemeinverbindlichen Lehrplan zu verzichten. Tolerante Gleichgültigkeit gegenüber Gruppen verschiedener Kultur oder Religion bedeutet auch nicht Wegschauen: Die Klitorisbeschneidung unmündiger Mädchen in Frankreich muß nicht hingenommen werden.

Die Begründung dieser Grenzziehungen für Toleranz ist nicht aus einem Guß.

Walzer betont zwar, daß der Zweck von Toleranz - friedliche Koexistenz - die Wahrung der Menschenrechte einschließt. Toleranz hat also ihre Grenzen in den Menschenrechten. Doch diese Begründung geschieht en passant und wird nicht ausgeführt. Walzer vernachlässigt diesen Punkt. Das liegt an seinem formalen Kontextualismus, der sich nicht immer leicht von einem inhaltlichen Relativismus abgrenzen läßt.