Das Arrangement moderner Toleranz schützt das Individuum als Abweichler von jedweder Gruppe und als Mitglied bestimmter Gruppen. Es setzt also die Existenz von kulturellen Gruppen voraus. Das "postmoderne Projekt" der Toleranz ist demgegenüber auf den Fall zugeschnitten, daß es solche Gruppen gar nicht mehr gibt. Eine postmoderne Toleranz richtet sich auf das Individuum, das sich und allen anderen fremd ist und das wie sein Lebensabschnittsgefährte in Persönlichkeitsabschnitte zerfällt, die toleriert werden müssen.

Nun, Walzer hält mit guten Gründen nicht viel von diesem Konzept postmoderner Toleranz, auch wenn die kulturellen Gruppenidentitäten heute zunehmend einem Flickenteppich gleichen. Dennoch fühlen sich die Menschen nach wie vor Gruppen und Milieus zugehörig, und es bleiben auch Unterschiede zwischen "uns" und "ihnen", zwischen vertraut und fremd bestehen. Man könnte auch sagen: Das postmoderne Toleranzkonzept überschätzt empirisch die Tendenz zur Individualisierung.

Auch wenn Walzers Kollege Robert Putnam recht haben sollte, daß der allein zum Kegeln gehende Amerikaner einen typischen Trend zur "einsamen Masse" (David Riesman) anzeigt, bleibt ein normativer Einwand. Die postmoderne Form der Toleranz übersieht, daß Menschen nur in der Auseinandersetzung mit kulturellen Gemeinschaften und Autoritäten ein eigenständiges Verständnis von sich selbst ausbilden können. Auch deshalb ist es gut, wenn Toleranz gegenüber diesen Gemeinschaften geübt wird.

In seiner Kritik am postmodernen Muster wird deutlich, daß Walzer die Toleranz nicht bloß als eine Bedingung für das friedliche Zusammenleben ansieht. Sie ist indirekt auch eine Bedingung für ichstarke Individuen, denn über bloße Friedenssicherung hinaus wächst der Toleranz der Zweck der Identitätssicherung zu. Und nicht nur das. Sie dient auch der Demokratiesicherung. Denn sie stabilisiert ein kommunales Gruppenleben, ohne das den Demokratien die Demokraten abhanden kommen. Kulturell unterschiedliche Gruppen stellen nämlich dann eine "Gefahr für unser gemeinsames Leben" dar, wenn sie die Form eines "Haufens", eines diffusen, vagabundierenden Milieus ohne Repräsentanten und artikulierte Mitgliedschaften annehmen. Nicht die organisatorische Stärke dieser Gruppe, ihre Schwäche ist das Problem. Hier soll Toleranz Abhilfe schaffen, indem sie durch die Aufwertung von kulturellen Gruppen diese politisch integriert.

Mit diesem dritten Zweck der Demokratiesicherung wird Toleranz bei Walzer zum Gegenstand des eingreifenden Staates. Der Staat muß nicht nur wohlfahrtsstaatlich agieren, weil ökonomische Ungleichheiten die Toleranz massiv erschweren. Er muß auch - paradox genug - die kulturellen Gruppen stärken, um deren Toleranz es ihm geht. Der interventionistische Staat, meint Walzer, soll im Grunde durch "Steuervergünstigungen, Ausgleichzahlungen, Subventionen, Rechtstitel" Genossenschaften und religiösen Gemeinschaften helfen, "ihre eigenen Krankenhäuser, Altenheime, Schulen, Kinderhorte ... zu unterhalten". Denn nur ein starkes kommunales Gruppenleben ist für Walzer der Sockel der Demokratie - und damit auch für die Mentalitäten der Menschen, die einen kulturellen Pluralismus tolerieren.

Dieser Gedankengang läßt ein Charakteristikum vieler aktueller Spielarten der politischen Philosophie in den USA hervortreten. Fragen der Ungleichheit, der Demokratie und der Sozialintegration werden mit Hilfe einstellungsbezogener, kultureller und normativer Kategorien bearbeitet. Selbst da, wo der Sache nach von der rechtlichen Steuerung der Gesellschaft die Rede ist, wird von Toleranz gesprochen.

Allerdings will Walzer die Toleranz nicht einfach zur Aufgabe einer wohlfahrtsstaatlichen Bürokratie machen. Die Interventionen des Staates müssen das Ergebnis einer demokratischen Willensbildung sein. Das wirft die Frage nach der Kehrseite von Toleranz, nach der Loyalität auf. Für Walzer ist klar, daß sich in einer Demokratie die Mitglieder der tolerierten kulturellen Gruppen über alle Unterschiede hinweg auch als Bürger verstehen müssen, die die Grundlagen ihrer friedlichen Koexistenz nicht einfach konsumieren, sondern politisch reproduzieren. Ein Sinn für öffentliche Belange ist unverzichtbar. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat aus diesem Grund den Zeugen Jehovas den Status eines gemeinnützigen Vereins im Unterschied zu anderen Religionsgemeinschaften verweigert. Denn die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas würde ihren Mitgliedern die Beteiligung an demokratischen Wahlen verbieten