Herr Schneider, Ihre Rubrik im "Zeitspiegel" lese ich regelmäßig mit Interesse, Vergnügen und Gewinn. In Ihrer Glosse Nr. 35 werfen Sie einem Autor vor, er gebe zu, nicht zu wissen, woher das Wort "gediegen" stamme. Sie klären ihn und uns auf, daß es von "gedeihen" komme und daß sich ein g hineingemogelt habe. Das g hat sich in "gediegen" ebensowenig hineingemogelt, wie sich das h aus "gedeihen" herausgestohlen hat .

Es handelt sich hier vielmehr um ein in der deutschen Sprachgeschichte markantes Phänomen, das Jacob Grimm als "grammatischen Wechsel" beschrieben hat, worüber Ihnen jede beliebige historische Grammatik des Deutschen Aufschluß gibt. Also: Wer sich an der eigenen Nase zieht (vgl. ziehen, zog, gezogen), wird sich nicht ins eigene Fleisch schneiden (vgl. schneiden, schnitt, geschnitten), sondern so gediegen gedeihen, daß er niemals darben dürfte.

Werner Schubert Heidelberg*