Ein Stuhl wird leer bleiben, wenn sich Mitte nächster Woche die Umweltminister aus fünfzehn Staaten im portugiesischen Sintra treffen. Im "Jahr der Meere" wollen die Minister aushandeln, wie Nordostatlantik und Nordsee besser vor gefährlichen Chemikalien und ausgedienten Bohrinseln geschützt werden können. Die Konferenz ist der Abschluß eines dreijährigen Verhandlungsmarathons

die wichtigsten Entscheidungen fallen am Mittwoch und Donnerstag kommender Woche. Ausgerechnet Bundesumweltministerin Angela Merkel wird bei diesem hochrangigen Treffen fehlen. Sie ist für eine Wahlkampftour mit Helmut Kohl durch ihren Wahlkreis Rügen gebucht: Heringsdorf statt Sintra. Ohne Ministerin aber wird die deutsche Delegation in Portugal nur eine Nebenrolle spielen.

Dabei stehen Entscheidungen mit Signalwirkung auf der Tagesordnung. Zum einen geht es darum, den Schlußpunkt unter die große Umweltaffäre des Sommers 1995 zu setzen. Vor drei Jahren wollte der Ölmulti Shell den ausgedienten überdimensionalen Öltank Brent Spar zwecks Entsorgung im Atlantik versenken.

Nach massiven Protesten von Umweltschützern ging der Konzern in sich. Im Januar dieses Jahres entschied Shell, daß die Stahlteile der Brent Spar für eine norwegische Hafenanlage recycelt werden. Technische Probleme oder Mehrkosten, vor drei Jahren noch entscheidende Argumente gegen die Landentsorgung, spielen heute keine Rolle mehr.

Anders als Shell setzen sich die Verbände der Ölbranche in den Verhandlungen noch immer dafür ein, daß die Versenkung eine Option für die Entsorgung alter Offshore-Installationen bleibt. Auch Norwegen und die mit ambitionierten Umweltzielen gestartete britische Labour-Regierung wollen für 125 Nordsee-Bohrinseln die Möglichkeit zur Versenkung offenhalten. Allen anderen Staaten fällt das Eintreten gegen die Schrott-Entsorgung auf hoher See nicht schwer: Sie haben keine großen Plattformen, die Probleme bereiten könnten.

Als Kompromiß wird in Sintra voraussichtlich ein Versenkungsverbot mit Ausnahmen verabschiedet. Für einige Plattformen wird die Möglichkeit der Versenkung nach einer genauen Einzelfallprüfung bleiben. Tatsächlich aber wird kein europäischer Ölkonzern in absehbarer Zeit versuchen, eine Ölplattform im Nordostatlantik zu versenken. Das faktische Versenkungsverbot, ausgesprochen durch Verbraucher und Öffentlichkeit, ist längst in Kraft.

Einig sind sich die Umweltminister der Atlantikanrainer, daß die Meere vor Chemikalien geschützt werden müssen. Bis zum Jahr 2020 soll deshalb die Einleitung von giftigen, nicht abbaubaren Chemieprodukten ganz gestoppt werden. Das ist ein ambitioniertes, wenn auch unverbindliches Ziel. Ärgerlich ist nur, daß wieder einmal ein Industriezweig eine großzügige Ausnahmeregelung bekommen soll. Es handelt sich um die Atomindustrie.