Frankreich, schreibt de Gaulle in seinen Memoiren, kommt aus der Tiefe der Zeit, und im Grunde wandelt es sich nicht. Der Satz klingt wie eine Warnung vor dem Glücksausbruch, der das Land seit dem 12. Juli überwältigt hat: Können drei Fußballtore einer Gesellschaft einen derartigen Ruck versetzen, daß sie sich plötzlich in einem anderen Bewußtseinszustand befindet und an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend verloren geglaubte Kraft wiederfindet? Oder ist alles bloß ein Rausch, an dessen Ende, vielleicht im Herbst, ein Rückfall steht in die morosité française, die welt- und zukunftsängstliche Griesgrämigkeit der letzten Jahre?

Die Heftigkeit des Stimmungsumschwungs ist verblüffend. Man spürt tiefe Erleichterung. Es ist, als ob das Volk, le peuple, seiner Bedrückung schon seit langem überdrüssig gewesen sei. Als ob sie in Wirklichkeit ohnehin schon verschwunden war und bloß noch als Medienphänomen am Leben gehalten wurde. In mancher Hinsicht war die Weltmeisterschaft eine Offenbarung. Sie hat ein Pauschalurteil ins Wanken gebracht und ein anderes in die Welt gesetzt.

Erstes Beispiel: "Die Franzosen haben ein leidenschaftliches Verhältnis zur Politik." Die vergangenen Wochen scheinen ein Indiz für das Gegenteil. Je mehr in den Zeitungen und im Fernsehen über Fußball und nicht über Politik gesprochen wurde, desto herzlicher wurde das Verhältnis der Franzosen zu ihren Politikern: Die Sympathiewerte von Staatspräsident und Premierminister kletterten in Umfragen auf siebzig Prozent. "Eine Himmelfahrt", kommentierte eine Zeitung.

Zweites Beispiel: Je näher der Triumph kam und je mehr Männer - und Frauen - an Fußballtagen aus ihren Wohnzimmern heraus die Kicker der Nationalmannschaft anfeuerten, desto mehr glich sich die Meinung der professionellen Beobachter an: In dieser Leidenschaft keimt die plötzliche und freudige Anerkennung der eigenen Buntheit - ein einig Volk von Bretonen wie Guivarch, Kanaken wie Karembeu und Kabylen wie Zidane. Sogar der rechtsradikale Le Pen spürte die Notwendigkeit zu einem multikulturellen Lippenbekenntnis.

Gewiß, die Bilder dieser farbigen Gemeinschaft, die mit Erfolg zusammenspielt, werden weiterwirken: als Eindruck bei denen, die sich dieser Gemischtheit und ihrer Normalität bisher nicht recht bewußt waren. Als festliche, moderne Beschwörung einer wichtigen Komponente des französischen Selbstbilds, des Glaubens an die individuelle Integration. Aber als Einsicht?

"Das ist bloß Sport", sagt die Gemüsehändlerin in der burgundischen Kleinstadt Villiers sur Yonne nüchtern. Der konservative Kommentator Alain-Gérard Slama formuliert es so: "Die Indifferenz von Zuschauern gegenüber der ethnischen Herkunft der Spieler ist banal."

Es wird Balsam sein auf die Seelen vieler Einwandererkinder, wenn ein Sohn algerischer Einwanderer wie Zinedine Zidane plötzlich zum Nationalhelden wird. Ob die übrigen Franzosen deshalb gleich ein entspannteres Verhältnis zu ihren arabischstämmigen Mitfranzosen finden werden, ist fraglich. Die französischen Journalisten haben in ihren Hymnen auf Zidane jedenfalls allesamt spontan Rückgriff genommen auf ein bezeichnendes Vokabular: Zinedine, der "Erzengel" (France-Soir) des sozialen Wohnungsbaus von Marseille, der "Sohn Abrahams", sei "übers Wasser gelaufen" (Libération), er habe "den Geist der Weihnacht" über das Stadion gelegt.