Essen

Von der Gelassenheit, die Walter Wimmer sonst auszeichnet, ist derzeit nicht viel zu spüren. Bis vor kurzem noch war der 72jährige Verleger zuversichtlich, den Angriff des WAZ-Konzerns auf sein lokales Wochenblatt, die Borbecker Nachrichten, und dessen Ableger, die Werdener Nachrichten, abwehren zu können. Seit einiger Zeit macht die WAZ, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, den beiden unabhängigen Vorortzeitungen das Leben schwer mit Stadtteilausgaben und neuen Anzeigenblättern (siehe ZEIT Nr. 27/98). Nun hat der Zeitungsriese seine Muskeln spielen lassen. "Nackte Gewalt" sei ihm angetan worden, sagt Walter Wimmer sichtlich verstört.

Das WAZ-Druckhaus, wo Walter Wimmers Blätter schon seit Jahrzehnten gedruckt werden, weigerte sich kürzlich, die dreispaltige Anzeige eines Teppichhändlers zu drucken. Die beiden WAZ-Geschäftsführer, Erich Schumann und Günther Grotkamp, hatten dies verfügt - wegen eines kleingedruckten Zusatzes am Fuß des Inserats, in dem es heißt: "Dem aufmerksamen Leser der Essener Tageszeitungen kann nicht verborgen bleiben, daß der WAZ-Konzern die ,Borbecker Nachrichten' vom Markt verdrängen will. Wir möchten, daß diese Heimatzeitung erhalten bleibt. Sie ist ein Stück Heimat und Borbecker Kultur.

Deshalb inserieren wir heute erstmalig in den ,Borbecker Nachrichten'. Und weitere Inserate werden folgen."

Eine abgemilderte Version des Textes lehnten die WAZ-Chefs ebenfalls ab.

Wimmer hatte angeboten, lediglich zu schreiben, daß die Borbecker Nachrichten "auf dem Zeitungsmarkt stark bedrängt werden". Um das Erscheinen seines Blattes nicht zu gefährden, willigte Wimmer schließlich ein, den Zusatz ganz zu streichen. Der Verband der Lokalpresse, dem über hundert mittelständische Verlage angehören, protestierte gegen diesen Fall von "Zensur".

Eine Woche zuvor waren die WAZmänner (ZEIT Nr. 26/98) weniger aufmerksam: In den Werdener Nachrichten erschien die Teppichanzeige mit dem Zusatz unbeanstandet. Peinlicher noch für die WAZ-Geschäftsführer: Sogar in einer Teilauflage der Essener WAZ-Ausgabe war der Text zu lesen. Der Einfachheit halber hatten die Drucker die bereitliegende Vorlage der Werdener Nachrichten für die WAZ verwendet - in der irrigen Annahme, der Anzeigentext für beide Zeitungen sei ohnehin identisch. Bis jemandem der kleingedruckte Zusatz auffiel, war ein Großteil der Postauflage der WAZ allerdings längst verschickt worden.