Um den Ernst der Lage zu gewärtigen, begab sich der Präsident jüngst aus dem Kreml in die Provinz. Kostroma war sein Ziel, ein schläfriges Städtchen in Zentralrußland, wo die Löhne nicht gezahlt werden und das heiße Wasser regelmäßig ausfällt. Boris Jelzin zog es auf einen Bauernhof, geradewegs zwischen die Milchkühe. "Wie viele Kälber habt ihr hier auf hundert Kühe?", fragte der Präsident den Bauern. "88", antwortete der Bauer stolz. Da brach bei strahlendem Sonnenschein ein Sturm los: "Wenn ich jetzt 98 oder 99 gehört hätte, das wäre etwas", dröhnte Jelzin. "Und erzähl mir nichts von Steigerung. Das habe ich schon von den Bolschewiken gehört." Übellaunig und doch befriedigt, rauschte der Präsident weiter in eine Textilfabrik. "Sie wollen hundert Millionen Rubel Subventionen?" herrschte Jelzin den Direktor an. "Die sollen doch nur Ihren lockeren Lebensstil finanzieren. Ich werde vielleicht etwas Geld schicken, aber nichts davon wird über Ihren Schreibtisch gehen!"

Die Reise nach Kostroma Ende Juni war das letzte Mal, daß Boris Jelzin mit ordnender Hand in die Geschicke des Landes eingriff. Seither läuft alles ganz von selbst, nur nicht so, wie er es wünscht. Rußlands Zahlungskrise hat dem Präsidenten den Odem geraubt. Alle Entlastungsoffensiven sind schon zu verbraucht, um sie zu wiederholen: die Entlassung der Regierung, die öffentliche Standpauke, die bewegte Rede an die zerrissene Nation. In der Stunde der Not telephonierte Jelzin mit Freunden im Ausland: Bill Clinton, Helmut Kohl und Jacques Chirac versicherten ihm ihre Solidarität. Sie übten Druck auf den zögernden Internationalen Währungsfonds aus. Der Westen und Japan gewährten Rußland am Montag nach wochenlangem Ringen einen Kredit von 22,6 Milliarden Dollar für 1998 und 1999. Damit haben sich die G-7-Staaten endgültig zu den Schutzherren der russischen Reformen aufgeschwungen.

Jelzins letztes Ministeraufgebot muß nun weiter gegen den vorerst nur aufgeschobenen Bankrott des Landes kämpfen. Unter Regie des 35jährigen Premierministers Kirijenko zieht die Regierung Steuersünder zur Rechenschaft, in der vorigen Woche zum Beispiel den Energiekonzern Gasprom. Die Steuerpolizei hebt illegale Wodkalager aus, filzt Büroräume, dringt in Wohnungen von Millionären und Ausländern ein, wo sie undeklarierte Reichtümer vermutet. Aber die prekäre Wirrnis der Zahlungskrise demonstrierte die Steuerpolizei höchstselbst, als sie in Wladiwostok den Energiekonzern Dalenergo zur Kasse bat: Die Manager erinnerten die Steuerpolizei daran, daß sie ihre Stromrechnung nicht bezahlt hatte.

Im Fernsehen machen Jelzin und seine Regierung eine schlechte Figur

In der vergangenen Woche brachen Pläne der Regierung zusammen, das Staatsbudget kurzfristig aufzubessern. Die Privatisierung des Ölkonzerns Rosneft mußte erneut verschoben werden - mangels Bietern. Das Geld flieht Rußland. In der russischen Schulden- und Zahlungskrise ist keine Aushilfe in Sicht. Nicht allein die Asienkrise, nicht nur kurzzeitige Spekulationen erschütterten das Vertrauen der Finanzmärkte, sondern der grassierende Zweifel, ob Rußland es überhaupt noch schaffen könne. Die russische Monetärgrippe hat sich längst zu einer bedrohlichen Staatskrankheit ausgewuchert. Das System Jelzin hat einen tönernen Unterbau. Der Kredit des IWF zeigt, daß der Präsident seine verläßlichsten Verbündeten im Ausland hat, während seine Macht im eigenen Lande erodiert.

In ganz Rußland streiken die Bergarbeiter. Vor sieben Jahren haben sie Boris Jelzin nach oben getragen und Gorbatschows Kapitulation erzwungen. Heute fordern die Kohlekumpel Jelzins Rücktritt. Sie blockieren die transsibirische Eisenbahn, die einzige Verkehrsader, die das gedehnte Land zusammenhält.

Vorige Woche zogen die Arbeiter der Rüstungsindustrie zu Tausenden durch die großen russischen Städte. In den Regionen, wo Moskauer Dekrete und Deklarationen nur noch wenig gelten, tönen die Rufe nach Jelzins Amtsenthebung. Der Präsident sei "unfähig, das Land auf einen Weg stabiler Entwicklung und einer Verbesserung des Lebensstandards zu führen", befand das Parlament von Jaroslawl in einer Resolution.