Das Projekt lief unter größter Geheimhaltung. Die Akteure nannten sich zur Tarnung nach den Helden von König Artus' Tafelrunde: Galahad und Lancelot. Zwei Monate lang trafen sie sich an Orten, wo keine neugierigen Späher zu befürchten sind. Als das Geheimnis vergangene Woche im Londoner Savoy-Hotel gelüftet wurde, entpuppte es sich keineswegs als eine Spinnerei postpubertärer Prinz-Eisenherz-Fans - sondern als ein ausgeklügelter Schachzug am internationalen Finanzmarkt.

Galahad (mit bürgerlichem Namen Werner Seifert) und Lancelot (Gavin Casey), die Chefs der Frankfurter und der Londoner Börse, suchen ihr Heil in einem engen Bündnis. Der Handel der größten in Deutschland und Großbritannien notierten Aktien soll zum Start der Währungsunion Anfang 1999 zusammengelegt werden. Begleitend könnten entstehen: ein eigener Aktienindex, eine gemeinsame elektronische Handelsplattform, einheitliche Regelwerke für beide Börsenplätze sowie ein zentrales Verrechnungsverfahren ("Clearing") der Geschäfte. Wenn das alles klappt, entsteht nach dem Willen Seiferts und Caseys der "Kern für einen einheitlichen europäischen Aktienmarkt".

Inzwischen ist klar, wie gründlich die konspirativen Finanzritter ihre Branche durcheinanderwirbeln wollen. Schließlich galten das erfolgreiche London und das kleinere Frankfurt bis vor kurzem als verfeindete Lager. Der eine Aufschrei kam gleich von der Pariser Börse (siehe Kasten). Die Franzosen verhandeln schon seit langem über eine Allianz mit Frankfurt und hatten auf eine dominierende Rolle im europäischen Finanzhandel gehofft. Übergangen fühlten sich gleichermaßen die Spanier und die Holländer. Protest kam ebenfalls aus London selbst, von der Terminbörse Liffe. Im Kampf gegen die kostengünstigere Deutsche-Börse-Tochter DTB verliert Liffe schon länger Marktanteile. Ihr scheidender Chairman Jack Wigglesworth nörgelt jetzt zwar an dem deutsch-britischen Deal herum, vermittelt aber zugleich den Eindruck, als sei er am liebsten selbst dabei. Er schlägt überraschend eine eigene Fusion mit dem London Stock Exchange (LSE) vor.

Verrückte Zeiten, und man merkt es schon: Der Euro kommt. Die Währungsunion im Januar wird, wie es die Münchner Vereinsbank prophezeit, die europäischen Kapitalmärkte "von der Provinz- in die Weltliga" katapultieren.

Zusammengezählt erreichen die europäischen Börsen schon heute eine Marktkapitalisierung von mehr als dreizehn Billionen Mark und könnten gemeinsam ihren Rivalen ernsthaft Paroli bieten: allen voran den amerikanischen Börsen (mehr als zwanzig Billionen Mark) (siehe Kasten). "Im Euro-Land kommt ein Prozeß wieder in Gang, der seit den beiden Weltkriegen eingefroren war", glaubt William Kennedy, Wirtschaftshistoriker und Börsenexperte an der London School of Economics. "Nun entsteht Schritt für Schritt doch ein europäischer Kapitalmarkt."

Dort gibt es viel Geld zu verdienen. Marktexperten rechnen damit, daß sich das Volumen des europäischen Kapitalmarktes im nächsten Jahrzehnt mehr als verdoppelt: Bankkredite kommen bei der Unternehmensfinanzierung aus der Mode und werden durch Wertpapiere ersetzt, neue Unternehmen gehen an die Börse, Staatsunternehmen werden privatisiert. Für die vielen neuen Aktien dürfte es Käufer genug geben: Pensionskassen, Fondsgesellschaften und Versicherungen in Europa und dem Rest der Welt suchen händeringend nach rentablen Anlagemöglichkeiten.

Zugleich macht die technische Entwicklung alles einfacher: Immer mehr Börsen handeln zumindest ihre wichtigsten Papiere elektronisch und verzichten aus Kostengründen auf den Parketthandel. Marktteilnehmer auf der ganzen Welt können per Computerbildschirm operieren. "Gemeinsame Plattformen und der Fernhandel verändern die bekannte Vorstellung davon, wo ein Markt beheimatet ist", glaubt die Bank von England. Visionäre sehen schon eine Zukunft voraus, in der die Händler am Bildschirm zwischen verschiedenen Börsen "zappen" - wie zwischen den Programmen eines Fernsehers.