Vielleicht ist es nur die Nervosität vor dem Ende einer Ära? Oder doch schon ein Vorgeschmack auf die Berliner Republik? Früher jedenfalls war es nicht allzu schwer, die echte Politik und das dazugehörige Sommertheater einigermaßen auseinanderzuhalten. Kaum waren die Parlamentsferien angebrochen, begann das Regierungsviertel unter einer schwülen Glocke zu röcheln

schon bald meldeten sich die ersten Hinterbänkler mit all den skurrilen Ideen zu Wort, die sie während der Parlamentswochen mühsam bei sich behalten hatten.

Diesmal ist alles anders. Erstens gießt es in Strömen. Zweitens gleitet Bonn heuer schon deshalb ganz unmerklich in die Sommersaison über, weil bereits in den zurückliegenden Monaten die wirkliche Politik von ihrer närrischen fünften Jahreszeit kaum zu unterscheiden war: Man erinnere sich an Otto Hausers starken Antritt. So etwas wäre früher nicht einmal im Hochsommer durchgegangen. Oder die Grünen, die in den vergangenen Wochen mit Benzinpreis-, Flugverbots-, Tempolimit- und Gelöbnisdebatten so schön für Unterhaltung gesorgt haben. Fast so gut war Gerhard Schröder, der sich den Aufschwung (an den seine Partei gar nicht so recht glauben mag) von niemandem mehr nehmen lassen will. Und der Bundespräsident, mit seinem Ruck in Richtung zweite Amtszeit. Keine Frage, das alles ist großes Sommertheater.

Dabei öffnet sich erst jetzt der Vorhang vollends. Zunächst wird Jost Stollmann, Schröders designierter Wirtschaftsminister, Anfang August am Rande einer Sommerparty in seinem Düsseldorfer Garten erklären, er habe die Sommerpause zum Nachdenken genutzt, zudem das Wahlprogramm der SPD gelesen und sich jetzt doch zur Wahl des amtierenden Kanzlers entschieden. Kurz darauf will Wolfgang Schäuble, der verhinderte Kanzlerkandidat, seinen Wunsch offenbaren, Roman Herzog im Amt des Bundespräsidenten nachzufolgen (nur für eine Amtsperiode). Guido Westerwelle, der nicht mehr zu verhindernde FDP-Vorsitzende, schreibt derweil an einem Spiegel-Essay, in dem er einen Blick auf die Zeit nach der Wahl, also nach Wolfgang Gerhardt, wagt. Die Saison abrunden soll Joschka Fischer, der nach einem erholsamen Aufenthalt in Otto Schilys Sommerherberge in der Toscana seinen Übertritt zur SPD bekanntgeben wird.

Höhepunkt aber und zugleich fließender Übergang in die Herbstsaison wäre die Wahl Gerhard Schröders zum Bundeskanzler, dem ersten der Berliner Republik.

Ja, so könnte es kommen. Vielleicht aber ist das merkwürdige Treiben doch nur ein letzter verzweifelter Ausbruchsversuch aus der immerwährenden Normalität der Bonner Republik: Helmut Kohl ginge dann gut erholt in seine sechste Amtszeit. Und manche werden wieder behaupten, es sei seine letzte.