Berlin hat, soviel Wahrheit muß sein, nach dem Abriß der Mauer nur noch ein wirklich weltberühmtes Bauwerk: das Brandenburger Tor", so schrieb Benedikt Erenz vor vier Jahren an dieser Stelle. Und er fragte, was aus den beiden, direkt daneben stehenden, säulenummantelten Häuschen werden wird. Sie hatten die Wirren der Zeiten einigermaßen heil überstanden. Werden sie an McDonald's vermietet oder Burger King? Benetton oder an Hennes & Mauritz?

Wir können berichten. In das eine Gebäude ist eine Touristen-Information eingezogen. Dort beraten zwei Damen, die, dies kann dem Besucher passieren, indigniert von ihrer Zeitungslektüre aufblicken und nur sehr widerwillig minimale Auskünfte erteilen und Stadtpläne ausgeben.

Und das Pendant gegenüber? Wie sinnvoll könnte es sein, wenn hier ein kleines Museum geschaffen würde, das einen Blick zurück in jene Epoche wirft, da das Brandenburger Tor von Langhans erschaffen wurde, schlug Benedikt Erenz damals vor: "Ein kleines Pantheon der Berliner Aufklärung. Ein Salon der Erinnerung an all jene, die dem Namen Berlins damals zum erstenmal in seiner Geschichte ein klein wenig europäischen Glanz gaben, von Mendelssohn bis Schadow, von Graun bis Iffland und Moritz ... Ein kleines musée sentimental als geistvolles Gegenstück auch zum dumpfen Pomp des Militarismus-Wilhelminismus am anderen Ende der Linden?"

Doch nichts da. Entstanden ist ein absoluter Fremdkörper, so fremdartig wie "Sylvis Würstchen Imbiss" auf dem immer ansehnlicher werdenden Pariser Platz, wie das Karree vor dem Brandenburger Tor heißt.

Geschaffen ist - halten Sie inne - ein "Raum der Stille". Eine reizende ältere Dame, die ehrenamtlich hinter einem Tischchen vor der eigentlichen Ruhezelle Platz genommen hat, reicht die Gebrauchsanweisung: "Die Vision von einem für alle offenen und überkonfessionellen Raum der Stille inmitten Berlins entstand 1988 unter Menschen im Ostteil der damals noch getrennten Stadt. Nach der Wiedervereinigung sprang der Funke auch auf Menschen im Westteil über, und es bildete sich bald ein kleiner ,Initiativkreis' von Berlinern mit dem Ziel, in einem dafür geeigneten Gebäude, möglichst nahe der ehemaligen Grenzlinie in der Stadtmitte zwischen den feindlichen Mauerblöcken und Ideologien, einen solchen Raum der Stille einzurichten ... Er soll allen Menschen Gelegenheit bieten, einzukehren, eine Weile in Stille Platz zu nehmen, sich von der Hektik der Großstadt zu lösen, und etwas Kraft für die Bewältigung des Alltags mitzunehmen ..."

Solchermaßen eingestimmt, betritt der Besucher den Ort, der die Größe einer Sakristei hat. Ein paar Stühle sind ausgerichtet auf einen handgewebten Wandteppich, in dem, wir lassen uns aufklären, "abstrakt symbolhaft Licht, das die Finsternis durchdringt, angedeutet ist". Kunstgewerbe, aber dumpfes.

Die meisten Menschen, die dieses Örtchen betreten, scheinen etwas irritiert, es gibt nichts zu gucken, nichts zu photographieren, also machen sie auf dem Absatz kehrt. Die Empfangsdame korrigiert: Zwanzig bis fünf Minuten lang hielten sich die Besucher im Ruheraum schon auf, na ja, einige liefen auch gleich wieder davon. Ob eine Minute oder keine, dieses übersinnliche Örtchen im Brandenburger Tor hat etwas Rührendes und gleichzeitig Groteskes. Und so Aufgesetztes. Berliner, Hauptstädter, Touristen! Haltet inne! Schweigt! Denkt nach! Werdet wesentlich! Betet!