Zuletzt ging es gar nicht mehr darum, ob die deutsche Rechtschreibung reformbedürftig ist oder die neue besser als die alte. Zuletzt ging es um den Fortbestand einer deutschen Einheitsorthographie überhaupt. Mehr als diese zwei qualvollen Jahre der Unsicherheit, in denen die alte Orthographie nicht mehr richtig galt und die neue noch nicht, hätte sie nicht ausgehalten.

Demnächst hätte man hier freudig, dort bedauernd festgestellt, daß der Staat offenbar nicht in der Lage sei, in seinem eigenen Haus Rechtschreibregeln durchzusetzen, und alle wären ihre eigenen Wege gegangen.

Vom Tisch wäre die Einheitsorthographie natürlich auch gewesen, wenn sich herausgestellt hätte, daß die Verfassung bei rechter Interpretation dem Staat verbietet, überhaupt an irgendeiner Stelle normierend in die Sprache einzugreifen. Dann hätte der Zank erst richtig begonnen, nämlich darum, ob nun jemand anders feststellen müsse, welches die rechte, die zu unterrichtende Schreibung ist, und wer

einig geworden wäre man sich nie. Nun aber herrscht mit einem Mal jede nur wünschbare Klarheit. Mit seinem Spruch vom 14. Juli hat der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts die Verfassungsbeschwerde eines Lübecker Elternpaares einstimmig abgeschmettert, und zwar mit Pauken und Trompeten und Trommeln und Pfeifen. Es hat sich auch nicht zum Hanswurst machen lassen und auf sein Urteil verzichtet, als die Kläger ihre Beschwerde ein paar Tage vor der Verkündung zurückzogen, mit der, nun, unverschämten Begründung, es sei von diesem Gericht kein faires Verfahren zu erwarten.

In der Tat hatten unschönerweise einige Presseberichte den Ausgang der Sache vorausgesagt. Wer aber wie die Beschwerdeführer aufgrund solcher Gerüchte dem höchsten Gericht den Vorwurf der Kungelei und der Indiskretion macht, der sollte schon einige Beweise in der Hand haben.

Seit der mündlichen Verhandlung gehörte nämlich nicht viel dazu, den Ausgang abzusehen - aber das nicht, weil die Richter irgendeine Voreingenommenheit erkennen ließen oder den Reformgegnern zuwenig Gehör schenkten, sondern weil diese eine vergleichsweise schwache Figur machten, besonders in der entscheidenden Frage, ob die Reform in Grundrechte eingreife und darum nur durch Gesetze der Landesparlamente hätte eingeführt werden dürfen, nicht aber durch Verordnungen der Schulve rwaltungen.

Das elterliche Erziehungsrecht ist nicht verletzt