Über wirtschaftliche und soziale Probleme läßt sich bekanntlich trefflich streiten. Aber in einem Punkt scheint man sich in vielen Lagern einig zu sein: Die Globalisierung macht den Sozialstaat kaputt. Bei kapitalismuskritischen Autoren wie den Spiegel-Redakteuren Hans-Peter Martin und Harald Schumann ("Die Globalisierungsfalle") liest sich das so: "Die Verteidiger des Sozialstaates stehen auf verlorenem Posten ... In einer globalen Zangenbewegung hebt die Internationale des Kapitals ganze Staaten und deren bisherige gesellschaftliche Ordnung aus den Angeln." Auch die französische Zeitung Le Monde Diplomatique sieht schwarz: "So wird die nächste Etappe deutlich: An dem Tag, an dem auch im Westen die Kinder an einen Schraubstock gefesselt arbeiten, hat der Freihandel seinen größten Sieg davongetragen."

Der "Turbokapitalismus" oder "Killerkapitalismus" zwingt angeblich dem ganzen Globus seine unbarmherzige Logik auf: Mit ihren billigen Waren werden Niedriglohnländer wie Indien oder China Millionen von Jobs in den reichen Ländern überflüssig machen und die Löhne nach unten drücken. Außerdem schaffen die Investoren ihr Geld dorthin, wo es am geringsten besteuert wird.

Die Konsequenz: Entweder die reichen Länder senken ihre Steuern drastisch, oder aber das Kapital fließt ab. Das Spiegel-Duo Martin/Schumann resümiert: "Staatsausgaben kürzen, Löhne senken und Sozialleistungen streichen, das Programm ist von Schweden über Österreich bis Spanien im Kern gleich."

Aber merkwürdig, irgend etwas scheint an diesem Bild nicht zu stimmen.

Beispielsweise ließ der Economist von einer Forschergruppe ausloten, in welchen Ländern der Erde das Geschäftsklima für Investitionen am günstigsten sei. Auf Platz eins: die Niederlande - ein Land mit hohen Löhnen, hohen Steuern und großzügigem Sozialstaat. Dort fühlen sich die Kapitalisten am wohlsten. Gleichzeitig sind die Niederlande eine der "globalisiertesten" Ökonomien der Welt. Trotzdem sinkt die Arbeitslosigkeit, und die Kinder gehen im übrigen in die Schule und seufzen nicht an Werkbänken.

In Dänemark betrug 1996 die Steuer- und Abgabenquote nach OECD-Berechnungen satte 54 Prozent. Das ist der zweithöchste Satz auf der Welt. Dennoch landete auch Dänemark auf der Economist-Rangliste mit Platz sechs in der Weltspitzengruppe. Genau wie die niederländische ist auch die dänische Wirtschaft hochgradig "globalisiert". Vergleicht man den Globalisierungsgrad Japans, der USA, Deutschlands, Dänemarks und der Niederlande, belegen die Niederlande und Dänemark die beiden ersten Plätze, gefolgt von Deutschland, den USA und Japan. Dieselbe Reihenfolge ergibt sich überraschenderweise aber auch, wenn man die staatlichen Sozialausgaben der Länder vergleicht. Japan hat die niedrigsten, die Niederlande die höchsten Sozialleistungen pro Kopf.

Bedingung für eine erfolgreiche Globalisierung ist also keineswegs der Abbau des Sozialstaates. Das Gegenteil ist vielmehr richtig: Je ausgebauter der Sozialstaat, um so offener die Wirtschaft. Dieser Zusammenhang ist mittlerweile in mehreren statistischen Untersuchungen immer wieder bekräftigt worden (zusammengefaßt beispielsweise im "World Labour Report" 1997/98 des International Labour Office in Genf).