Eigentlich wollte der Internationale Währungsfonds (IWF) mit der russischen Regierung bis Ende Juli oder gar noch länger über den neuen Milliardenkredit verhandeln. Doch am Ende war es ein Wettlauf gegen die Märkte. Am Montag dieser Woche gab der russische Chefunterhändler Anatolij Tschubajs gemeinsam mit IWF- und Weltbankvertretern in Moskau vorzeitig das Ergebnis mühevoller Verhandlungen bekannt: Insgesamt 22,6 Milliarden Dollar soll Rußland bis Ende 1999 von IWF, Weltbank und Japan erhalten.

Die großen Industrienationen (G-7) hatten keine andere Wahl. Viele Analysten und Broker hatten für diese Woche den endgültigen Kollaps der russischen Finanzmärkte prognostiziert. Ein Horrorszenario drohte zur self-fulfilling prophecy zu werden: die Abwertung des Rubels, gefolgt von einem massiven Inflationsanstieg, wirtschaftlichem Notstand und sozialen Unruhen. Und so drängte vor allem das US-Finanzministerium die IWF-Manager, endlich zu einem Ergebnis zu kommen.

Das Kreditpaket ist freilich nur Symptombekämpfung. Notwendig sind jetzt einschneidende Reformen - sonst ist die nächste Finanzkrise programmiert. Was die Regierung zu tun hat, um ein solches Desaster abzuwenden, ist längst bekannt: Sie muß Steuerschuldner zur Kasse bitten oder bankrottieren, um die Steuermoral zu verbessern

die großen staatlichen Monopole - allen voran der Erdgasmonopolist Gasprom - müssen endlich transparenter und effizienter werden. Vor allem aber muß sich die russische Regierung auf die eigentlichen Aufgaben eines Staates besinnen: Ohne verläßlichen Schutz von Privateigentum durch staatliche Organe wird aus Rußland nie eine blühende wirtschaftliche Landschaft. Kurzfristig gilt es deshalb, den Entscheidungsspielraum des korrupten Staatsapparates durch einfache und nachvollziehbare Regeln zu verringern.

Sollte auch die neue Regierung von Premierminister Kirijenko scheitern und sich ohne triftige Gründe nicht an die Vereinbarungen mit dem IWF halten, bleibt dem Westen gar nichts anderes übrig, als weitere Kreditraten auszusetzen - trotz aller verheerender Konsequenzen und der geopolitischen Bedeutung Rußlands. Denn ohne Reformen sind die Kredite nur schädlich: Sie nehmen den Druck von der russischen Regierung, erhöhen die Auslandsverschuldung und unterlaufen die Glaubwürdigkeit des IWF. Bei der nächsten Krise würden dann auch 22 Milliarden Dollar nicht mehr reichen, um die Märkte zu beruhigen.

Doch gibt es überhaupt eine realistische Chance, daß die russische Regierung das ehrgeizige Programm erfüllt, auf das sie sich mit dem IWF geeinigt hat?

In vieler Hinsicht scheint das Team von Sergej Kirijenko vor einer unlösbaren Aufgabe zu stehen: Staatsdiener entlassen, überflüssige Krankenhäuser und Schulen schließen, Unternehmensdirektoren über Bankrottverfahren feuern und Barterspezialisten arbeitslos machen - dem Kabinett Kirijenko ist enormer Gegenwind sicher.