Vielleicht entpuppt sich der britische Regierungschef Tony Blair am Ende doch noch als Sozialdemokrat. Seinen Schatzkanzler Gordon Brown ließ er am Dienstag nachmittag eine Neuerung vorstellen: einen Dreijahresplan für die Haushalte bis zum Jahr 2002. Bei dessen Verlesung im Unterhaus bekamen alte Labour-Kämpfer feuchte Augen. Es soll 21 Milliarden Pfund extra für das notleidende britische Gesundheitssystem geben, 19 Milliarden für die Schulen.

Rentner bekommen ein Mindesteinkommen und werden so "zu Tausenden aus der Armut gehoben". Geld fließt in den Wohnungsbau, an die Polizei, in das Transportsystem und in strukturschwache Gebiete.

Mit dem Ausgabenrausch hatte vor Monaten keiner gerechnet. Die neuen Chefs in der Downing Street hatten sich Steuererhöhungen versagt und hielten zwei Jahre lang den strengen Haushaltsrahmen ihrer Vorgänger ein. Jetzt pokert Blair hoch. Das Extrageld soll zu einem Großteil anderswo eingespart werden, etwa bei der Zusammenlegung von Verwaltungen, im Verteidigungsetat, beim Lohn im öffentlichen Dienst und durch die Erhebung von Studiengebühren. Außerdem will Blair Staatsbesitz verkaufen: Beteiligungen an der nationalen Luftraumüberwachung, an der Münzpresse, am Pferdetoto.

Doch das allein wird kaum reichen. Schließlich bahnt sich in Großbritannien ein Wirtschaftsabschwung an. Einige Ökonomen sagen eine Rezession voraus. Das starke Pfund hat tiefe Löcher in die Auftragsbücher der Unternehmen gerissen, es gibt mehr Pleiten und die schlechteste Busineß-Stimmung seit einem Jahrzehnt. Sozialkosten und Arbeitslosenhilfe könnten bald steigen, obwohl Blair daran eigentlich sparen wollte. Einige Experten schließen nicht aus, daß Labour noch Entschuldigungen für höhere Steuern oder Schulden einfallen müssen.

Vielleicht ist das sogar schon kalkuliert. Blairs Regierung hat in den vergangenen Monaten nämlich mehrfach ein neuartiges politisches Manöver vorgeführt: nach rechts antäuschen und links vorbeiziehen. Zum Beispiel im letzten Haushalt: Labours Sprecher und Politikberater ließen zuvor die alte sozialistische "Umverteilung" aus dem Labour-Sprachschatz streichen - doch genau das kam dann bei dem Haushalt heraus. In dieser Woche war der Trick besonders gefragt. Seinen Ruf als Sparapostel will Brown nicht aufgeben, denn eine Partei der Steuererhöhungen gilt als unwählbar. Die Konservativen listen schon Blairs versteckte und offene Steuererhöhungen auf und kommen auf siebzehn.

Zur taktischen Vorbereitung stand am Montag der Wohlfahrtsreform-Beauftragte Frank Field im Parlament und kündigte düster an, Milliardenverluste durch Sozialbetrug müßten gespart werden, Schuldige gehörten in den Knast. Am Montag abend erzählten Berater in der Downing Street den Journalisten, sie sollten sich auf ein paar "harte Wahrheiten zum Thema Ausgabenkontrolle" einstellen.

Doch Brown und Blair ist klar: Ohne mehr Ausgaben können sie ihre Wahlversprechen nicht einlösen. Bildung, Gesundheit, Infrastruktur und Soziales gehören zu ihren "Prioritäten". Seit der Wahl Tony Blairs sind aber die Schulklassen gewachsen, die Wartelisten für Operationen länger geworden, die Londoner U-Bahn verkommt zum öffentlichen Sicherheitsrisiko. "Sie waren fünf Jahre lang sparsam" macht sich schlecht auf den Plakaten im nächsten Wahlkampf.