Köln Ein dreizehnjähriger Junge, Schwarzenegger-Filme vor Augen, Gangsta-Rap in den Ohren, stiehlt, raubt, erpreßt, bedroht, verprügelt. Tausend Seiten umfaßt die Akte, auf die er es im Laufe seiner kriminellen Blitzkarriere gebracht hat. Die berufstätigen Eltern sind entsetzt und hilflos, die wechselnden Schulen überfordert, das Jugendamt reagiert zu spät. Er habe seinen Münchner Vorort Neuperlach mit der Bronx verwechselt, heißt es nun.

Normalerweise würde man in diesem Land wohl versuchen, den Jungen mittels empfindlicher Strafen und sozialpädagogischer Betreuung auf den Tugendpfad zurückzuleiten. Möglicherweise würde man ihn auch in ein geschlossenes Heim verweisen, um die Mitmenschen vor ihm zu schützen. Bei diesem Jungen können es sich die Behörden einfacher machen. Er hat einen türkischen Paß. Also kann sich der zuständige Kreisverwaltungsreferent Uhl zurücklehnen und sich mit den Worten zitieren lassen: "Türkei, übernehmen Sie!"

Daß er in München geboren wurde, die Türkei nur aus den Sommerferien kennt und Bayerisch spricht wie live aus dem "Musikantenstadl", daß er mithin seiner Sozialisation nach so deutsch ist wie die Kinder des Kreisverwaltungsreferenten, tut nichts zur Sache. Bis zum 21. Juli muß er ausgereist sein. Ist die Ausweisung straffällig gewordener Migrantenkinder mittlerweile Alltag geworden, so kommt in diesem Fall etwas völlig Neues hinzu: Auch die Eltern des Jungen müssen ihre Heimat - daß Deutschland ihnen nach dreißig Jahren eine solche geworden ist, dürfte einleuchten - verlassen.

Es ist das erste Mal, daß in Deutschland türkische Eltern ihres Sohnes wegen ausgewiesen werden sollen.

Die Forderung, ausländische Straftäter noch rascher auszuweisen, ist zwar populär und auf Anhieb nachvollziehbar, doch wird selten erwähnt, wen sie am härtesten trifft - jedenfalls nicht die organisierte Kriminalität, gegen die sie sich vorgeblich richtet. Diejenigen Ausländer, die tatsächlich nur deshalb nach Deutschland reisen, um Straftaten zu verüben, könnten sich nach einer Verhaftung in der Regel kaum etwas Besseres wünschen, als ausgewiesen zu werden, weil sie sich in den Gefängnissen ihrer Heimat besser zurechtfinden als in den deutschen. Dagegen kommt die Ausweisung für hier geborene Ausländer einer Strafe gleich, die das deutsche Gesetz eigentlich nicht vorsieht: Verbannung. Und macht das Münchner Beispiel Schule, dann kommt eine weiteres, überwunden geglaubtes Strafmaß hinzu: Sippenhaft.

Daß die Behörden den Eltern des jungen Straftäters vorwerfen, bei der Erziehung versagt zu haben, wird wohl berechtigt sein. Nur kommt das in den besten Familien vor, sogar in deutschen. Auch die Eltern des Sechzehnjährigen, der kürzlich in Leipzig ein Mädchen mißbraucht und ermordet hat, werden sich fragen und fragen lassen müssen, was sie falsch gemacht haben. Aber niemand käme auf die Idee, sie juristisch zur Rechenschaft zu ziehen.

Wohlgemerkt: Absurd ist nicht, daß zum Verlassen aufgefordert wird, wer das Gastrecht mißbraucht. Absurd ist, daß auch diejenigen als Gäste gelten, deren Eltern und Großeltern vor dreißig oder vierzig Jahren dem Werben des deutschen Staates gefolgt und eingewandert sind. Man kann nicht über eine Generation von Migrantenkindern wie über ein Masse verfügen, aus der man aussortiert, was einem nicht paßt. Cem Özdemir, Memet Scholl und der Unterzeichnende sind ebenso in diese Gesellschaft hineingeboren, aus ihr hervorgegangen wie der Münchner Jungkriminelle. Akzeptiert man die einen, muß man auch bereit sein, mit dem anderen fertig zu werden, genauso unnachgiebig oder nachsichtig wie mit allen anderen gebürtigen Münchnern, Frankfurtern oder Berlinern. Das kann nicht allein eine Frage der Staatsangehörigkeit sein (für die eine befriedigende Antwort allerdings ebenfalls noch aussteht). Auch ohne deutschen Paß ist ein Mensch kein Haustier, das man im Tierheim Türkei abgibt, wenn es ins Wohnzimmer pinkelt.