Bauer Liu ist stolz auf sein neues Haus. Das Backsteingebäude hat drei Zimmer. Viel Platz für die siebenköpfige Familie aus vier Generationen, wie der hagere Mann im blütenweißen Hemd glaubt. Auch drinnen zeugen Farbfernseher und Stereoanlage von neuen Zeiten. Auf der anderen Seite der staubigen Dorfstraße kann man noch sehen, wie die Lius früher gewohnt haben.

Dort scheinen sich die niedrigen Lehmhütten regelrecht vor dem scharfen Wind zu ducken, der wieder einmal durch die weite Ebene der Provinz Heilongjiang im äußersten Nordosten Chinas bläst.

Am Straßenrand melken Lius Sohn und Schwiegertochter im Morgengrauen eine der fünf schwarzgefleckten Kühe. Den Rindviechern verdankt die Familie ihren bescheidenen Wohlstand. Seit es die neue Fabrik in der dreißig Kilometer entfernten Bezirkshauptstadt Shuangcheng gebe, fließe das Milchgeld regelmäßig, erzählt Bauer Liu.

Das Unternehmen, welches Liu und 13 300 weiteren Nebenerwerbsmilchbauern im Bezirk verläßliche Einnahmen verschafft, heißt Nestlé Shuangcheng Ltd. (NSL) - ein Joint-venture, zu dem sich die 150 000-Einwohner-Stadt und der Schweizer Multi Nestlé zusammengetan haben. Seit 1990 stellt NSL Milchpulver, Säuglingsnahrung und Instantfrühstücksbrei für Kinder her. Das Werk war für den weltgrößten Lebensmittelkonzern (Umsatz 1997: 70 Milliarden Franken) der erste strategische Baustein zur Eroberung des gigantischen Marktes der Volksrepublik China.

Nestlé betreibt 495 Fabriken in 77 Ländern. Kein anderer Multi hat ein ähnlich weltumspannendes Produktionsnetz wie der Konzern aus Vevey am Genfer See. Neue Fabriken werden praktisch nur noch in Schwellenländern errichtet.

Dort locken Bevölkerungszuwachs und steigende Kaufkraft. Jährliche Wachstumsraten von mehr als zehn Prozent - auch wenn sie in jüngster Zeit etwas zurückgegangen sind - seien der Grund für die Investitionen in China, sagt der langjährige Nestlé-Chef Helmut Maucher.

Die Konzernstrategen haben sich ihre Chancen genau ausgerechnet: 1,24 Milliarden Menschen, ein Fünftel der Weltbevölkerung, lebten 1997 in China.