"Und jedes Jahr kommen 13 Millionen neue Konsumenten hinzu", sagt Theo Klauser, der von Peking aus die Nestlé-Geschäfte in der Volksrepublik koordiniert. "Die Ernährungssituation hat sich seit Anfang der achtziger Jahre dramatisch verändert", sagt der auslandserfahrene Schweizer. Die Landreform habe hohe Produktivitätssteigerungen gebracht. Hunger sei kein Thema mehr. "95 Prozent der Bevölkerung können sich jetzt eine einigermaßen normale Ernährung leisten."

Wenn aber die Grundbedürfnisse gestillt sind und die Konsumenten Lust auf Abwechslung und bequemere Zubereitung bekommen, dann schlägt die Stunde von Nestlé. Das breite Produktspektrum des Multis - Schokolade, Konfekt, Instantkaffee, Säuglingsnahrung, Mineralwasser, Frühstücksflocken, Joghurt, Eiscreme, Suppen, Saucen, Tiefkühlgerichte - verlangt nach globaler Präsenz.

Nestlé-Marken wie Maggi, Findus, Buitoni, Chambourcy, Nescafé oder Perrier sind Synonyme für die westliche Lebensart, die sich scheinbar unaufhaltsam bis in die letzten Winkel der Welt ausbreitet. Doch das Beispiel des Milchwerkes in Shuangcheng zeigt, wie mühselig der Weg zu profitablen Geschäften sein kann.

Eigentlich ist die frühere Mandschurei alles andere als eine typische Region für Milchwirtschaft. Zwar ist die Ebene mit äußerst fruchtbarer Schwarzerde gesegnet, doch die Vegetationsperiode nahe der sibirischen Grenze ist kurz.

Wo im langen Winter die Temperaturen regelmäßig auf unter minus dreißig Grad Celsius fallen, muß der Boden optimal genutzt werden.

Herr Liu bekam bei der Bodenreform Anfang der achtziger Jahre zwei Hektar Land per Pachtvertrag auf fünfzehn Jahre zugeteilt. Im Schnitt müssen sich seine Nachbarn sogar mit nur 1,5 Hektar begnügen. Der Anbau von Mais ist die Existenzgrundlage für die meisten Bauern: Das Korn geht zu einem Fixpreis an den Staat, die Wurzelknollen dienen im Winter als Heizmaterial, und mit dem Stroh werden die Rinder gefüttert. Frisches Gras gibt es nur, wenn der Bauer seine Kuh auf dem schmalen Grünstreifen der Landstraße entlangführt.

Im Jahr 1908 hatte Nestlé sein erstes Verkaufsbüro in Shanghai eröffnet, 1948 warfen die neuen kommunistischen Machthaber die Kapitalisten hinaus. Seither war der Konzern aus China praktisch ausgesperrt. Doch die wirtschaftlichen Reformen machten den Multi wieder interessant für die kommunistischen Wirtschaftslenker: 1978 besichtigte ein Minister aus Peking eine Nestlé-Schokoladenfabrik in der Schweiz. Der Funktionär war beeindruckt. Drei Jahre später fragte ein Vertreter der Provinzregierung aus Harbin an, ob der Konzern sich in Heilongjiang "Aktivitäten in der Milchwirtschaft" vorstellen könnte - die Manager in Vevey konnten.