Als die Physik in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts mit der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie eine gewaltige Revolution erlebte, war Ernst Mayr gerade auf Vogeljagd im Südwestpazifik. Die Biologie war damals noch eine junge Wissenschaft, deren erste Institute und Studiengänge gerade gegründet wurden. Heute, an der Schwelle zum 21.

Jahrhundert hat sich das Bild grundlegend gewandelt: Die Wissenschaft vom Leben ist dabei, Physik und Chemie von ihrem angestammten Platz zu verdrängen und sich selbst zur tonangebenden Leitwissenschaft aufzuschwingen.

Ernst Mayr selbst zählt mittlerweile zu den großen wissenschaftlichen Gelehrten des Jahrhunderts. Seine grundlegenden Arbeiten zur Systematik, insbesondere zum Konzept der Art und der Artbildung, sowie seine philosophischen Ausführungen zur Typologie und zum Essentialismus haben Generationen von Biologen geprägt. Bekannt geworden ist der am 5. Juli 1904 in Kempten im Allgäu geborene Mayr als einer der Architekten der "Synthetischen Theorie der Evolution", jenes Gedankengebäudes, in dem er - zusammen mit den Zoologen Julian Huxley, Bernhard Rensch und dem Genetiker Theodosius Dobzhansky - in den dreißiger und vierziger Jahren Darwins Konzept der natürlichen Auslese mit den Befunden der Genetik in Einklang brachte.

In seinem jetzt erschienenen Buch "Was ist Biologie" untersucht Mayr - gleichsam als logischer Abschluß seines Lebenswerks - die philosophische Dimension seiner Disziplin. Er spannt darin den Bogen von Aristoteles und der wissenschaftlichen Revolution über Darwins Evolutionstheorie bis hin zur Molekulargenetik und den Einsichten, die uns die Entdeckung der biochemischen Struktur der Nukleinsäure bescherte. Doch bisher, so Mayrs Credo, hätten Wissenschaftsgeschichte und -philosophie die neue Rolle der Biologie als "Leitwissenschaft" ignoriert. Dabei sei die Biologie "grundverschieden" von den übrigen Naturwissenschaften: "Sie unterscheidet sich in fundamentaler Weise in Gegenstand, Geschichte, Methodik und ihrer Philosophie." Sein Buch tritt daher mit keinem geringeren Anspruch an, als den konzeptionellen Rahmen dieser Philosophie der Biologie zu umreißen.

Der Reduktionismus ist ein alter Irrweg der Biologie

Lange wurde das Studium der belebten Welt als "weiche" - gar als "unexakte" Wissenschaft" und dementsprechend minderwertige Betätigung gesehen. Doch nirgendwo, so Mayr, behandelt die heutige Wissenschaftsphilosophie tatsächlich die zahlreichen spezifischen Eigenarten des Lebens. Vielmehr beruhe das Naturbild vieler Philosophen irrigerweise auf der Annahme fester, vorhersagbarer Gesetzmäßigkeiten. Diese Denkweise aber werde dem vielschichtigen Phänomen "Leben" nicht gerecht.

Belebte Systeme unterscheiden sich von unbelebten. Biologische Systeme sind mehr als die Summe ihrer chemisch-physikalischen Teile. Nach dem Prinzip der Emergenz weisen sie spezifische Eigenschaften auf, die sich aus der Kenntnis der Komponenten allein nicht vorhersagen lassen. Lebende Organismen müssen daher auf jeder Ebene ihrer Organisation, angefangen beim Zusammenwirken der Moleküle bis hin zur vernetzten Organisation in komplexen Ökosystemen wie etwa tropischen Korallenriffen oder den Regenwäldern, verstanden werden. Sie können nicht auf die Gesetze der Physik und Chemie beschränkt werden, glaubt Mayr, der den weitverbreiteten Reduktionismus für einen Irrweg der Biologie hält.