Wir haben Angst vor dem Unterschied

München

Unterschiede, eine gewollte Vielfalt jagen Bürokraten Angst ein. Föderal wollen sie sein, aber nicht pluralistisch. Schulhoheit, beispielsweise, soll in Deutschland nichts anderes heißen als more of the same. Kein ehrlicher Wettstreit zwischen Nord und Süd, Ost und West!

Doch werden "wir lernen müssen, mit Unterschieden zu leben", kommentierte Wilfried Bos, einer der Leiter der TIMSS-Studie, die für Deutschland aufbereiteten Ergebnisse des internationalen Vergleichs mathematisch-naturwissenschaftlicher Kenntnisse. In Wirklichkeit freilich gibt es längst Unterschiede und den Wettbewerb auch. Die Südländer empfinden das so. Eltern wissen es genauso wie die Lehrer. Und die TIMSS-Studie hat es in den Abschnitten II und III auch nachgewiesen.

Fazit: Das föderale deutsche System hat Abschlüsse von unterschiedlicher Qualität hervorgebracht. Achtkläßler in verschiedenen Bundesländern liegen in der Bewältigung des Stoffes bis zu zwei Jahren auseinander, dito die Abiturienten. "Nach unseren Befunden", sagt Jürgen Baumert, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, "gibt es keine ausreichende Standardsicherung. Man kann je nach Bundesland für dieselben Leistungen unterschiedliche Zensuren bekommen." Das ist unfair, schert doch der Numerus clausus die Bewerber aus allen Bundesländern über einen Kamm.

Wir lügen uns die Vergleichbarkeit zurecht

Zwar ist Abitur nicht gleich Abitur, aber wir lügen uns die Vergleichbarkeit zurecht. Denn wir akzeptieren keine Unterschiede. Was aber ist an denen so teuflisch? Es gibt kein heterogeneres Schulsystem als das amerikanische.

Taugt ja auch nichts, sagt der deutsche Mensch voller Hochmut. Stimmt, sagen die Amerikaner ganz offen. Und doch waren sie in TIMSS II und III etwa so mittelmäßig wie die Deutschen.

Wir haben Angst vor dem Unterschied

Jeder halbwegs gebildete Amerikaner weiß, daß die meisten Schulen unzureichend sind und nur manche sehr gut. Ergo ist eine Eins nicht immer eine Eins. Ergo reichen gute Zensuren nicht aus, um in ein erstklassiges College zu kommen. Es zählen auch Beurteilungen durch die Lehrer und die für alle gleichen Aufnahmeprüfungen. Vor allem sitzen in den Zulassungsbüros von Harvard oder Stanford Leute, die jede Schule genau kennen, die deren Zensuren und Leistungen genau einschätzen können.

Die Amerikaner, die weniger Scheu vor Ungleichheit haben, setzen die Eignung zum Studium nicht voraus, sondern prüfen sie statt dessen ab. "Wir haben keine Angst vor dem Urteil, daß nicht jeder gleichermaßen begabt und befähigt ist, eine Karriere in der Wissenschaft zu verfolgen", sagte der (deutsche) Präsident der kalifornischen Stanford-Universität in einem FAZ-Interview.

Amerika leistet sich ein Schulsystem, in dem die Schulen von Bundesstaat zu Bundesstaat, ja von Ort zu Ort verschieden sind, weil am Ende die Auslese durch die Universität über die Qualität entscheidet. Das amerikanische Hochschulsystem ist außerordentlich differenziert und zeigt erhebliche Qualitätsabstufungen. Der Schüler weiß das, der Lehrer weiß es und der Arbeitgeber auch. Braucht er einen guten Buchhalter, muß der nicht unbedingt die Harvard Business School absolviert haben. Doch ein guter Wissenschaftler soll möglichst durch eine der besten Hochschulen gegangen sein.

Die TIMSS-Studie hat hinlänglich bewiesen, daß die Schulform nicht das bestimmende Kriterium für Leistungsfähigkeit ist. "Daß die Organisation der Schule für die Leistung ausschlaggebend sei, ist ein Mythos, der begraben werden muß", stellte Wilfried Bos in einem Interview der Süddeutschen Zeitung fest. Ebenso überholt ist die Vorstellung, daß alle Schulen gleich sein müssen und alle Schulen gleichwertige Abschlüsse produzieren können. Es macht nichts, daß es ein großes Bildungsgefälle zwischen den Bundesländern gibt, wenn anschließend Auslese und Transparenz für eine Bildungsgerechtigkeit sorgen, die nicht Hoch- und Minderbegabte gleich behandelt.

Beharren die Kultusminister indes auf der Chimäre der Gleichwertigkeit der vielen verschiedenen Abiture, kann sie nur durch zentrale Prüfungen garantiert werden. Zensiert wird nicht vom Klassenlehrer, sondern vom externen, anonymen Prüfer. So machen es die Engländer bei den A-Levels

da wissen die Universitäten, was sie von den Abschlußnoten zu halten haben.

* Christine Brinck ist Journalistin in München.