Schon gut ein Jahr sitzt Johannes Ludewig dort, wo Kanzler Helmut Kohl ihn haben wollte: auf dem Chefsessel der Deutschen Bahn AG. Dort hat Ludewig fleißig, oft bis nach Mitternacht, Akten studiert und auch zu solch später Stunde Mitarbeiter bis hinauf zu Vorstandskollegen einbestellt. Etwas ganz Elementares ist ihm dennoch erst vor wenigen Tagen richtig klargeworden: Streichungen im Bahnfahrplan, gar Stillegungen von Strecken sind hierzulande so heiße Eisen, daß selbst Planspiele auf diesem Terrain Stürme der Entrüstung entfachen - in der Bevölkerung, aber vor allem bei Politikern. Nicht nur zu Wahlkampfzeiten, aber dann besonders.

Weniger Fernzüge, zugleich Preiserhöhungen und obendrein Pläne zum Abbau von dreizehn der zwanzig Cargozentren in Deutschland: Was da geballt an Negativem zur Unzeit aus der Frankfurter Bahnzentrale an die geschockte Öffentlichkeit gedrungen ist, können SPD und Grüne nun bestens als scharfe Munition gegen die Nochregierung in Bonn verwenden. Einem der wenigen Aktivposten in Kohls Bilanz, dem Jahrhundertwerk Bahnreform, droht damit die politische Entwertung.

Als "beamtenähnlich" kritisierte denn auch Niedersachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Peter Fischer die Reaktion der Bahnspitze auf den Passagierschwund, der nicht erst seit dem schweren Unglück von Eschede für rote Zahlen in der Ertragsrechnung sorgt. Fast die Hälfte des InterRegio-Verkehrs, mehr als hundert Zugverbindungen mit schlechter Auslastung, ließ Ludewig in einer Streichliste zusammenstellen, die er in der vergangenen Woche den Bundesländern bekanntgab. Überschrift des Papiers: "Angebotsoptimierung Fernverkehr, Maßnahmen zum Winterabschnitt 98/99, Ausfälle". Der InterRegio ist nach dem Luxusaushängeschild ICE und dessen Vorgänger InterCity die dritte Zugkategorie im Fernreisegeschäft der Bahn.

Gereizt, auch weil vorab nur unzureichend informiert, lehnten die Länder das Ludewig-Papier ungewöhnlich schroff ab. "Auf einen Rückgang der Fahrgastzahlen im Fernverkehr muß die Deutsche Bahn AG mit einer Angebotsoffensive reagieren. Ein Streichkonzert im Fahrplan holt keinen einzigen Kunden auf die Schiene zurück", schimpft der derzeitige Vorsitzende der Verkehrsminister-Konferenz und niedersächsische Ressortchef, Peter Fischer (SPD).

Wie Hohn muß es Ludewig in den Ohren geklungen haben, daß Fischer - Mitglied im Kabinett des Kanzlerherausforderers Gerhard Schröder - ihm zudem anschaulichen Nachhilfeunterricht in Sachen Marktwirtschaft gab: "Wenn sich der Markt nicht gut genug entwickelt, muß man doch das Angebot verbessern und nicht verschlechtern. Sonst ist das so, als stelle eine Autofirma einfach weniger Fahrzeuge her, weil die Menschen ihre Wagen nicht mehr kaufen wollen."

Ausgerechnet der Politprofi Ludewig, zuvor Kohl-Berater und Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium, mußte sich außerdem von seinem obersten Dienstherrn ziemlich unverhüllt Dilettantismus in der Öffentlichkeitsarbeit vorwerfen lassen. Verkehrsminister Matthias Wissmann beklagte "den völlig falschen Eindruck von der Bahn", als sei nun "ein großes Streichkonzert geplant". Der eigentlich stets hochelastische Wissmann sah sich sogar zur rüden Strafaktion gegen Ludewig genötigt, um den wahlpolitischen Schaden in Grenzen zu halten. Wissmann am vergangenen Wochenende: "Ich ... kann der Bahn nur empfehlen, auch weiterhin eine Vorwärtsstrategie zu betreiben, also alles zu tun, um mehr Kunden auf das Fern-, Regional- und Nahverkehrsnetz zu locken - mit interessanten Angeboten, mit günstigen Preisen und einem intelligenten Marketing." Wer so formuliert, beklagt Defizite.

Johannes Ludewig führt das Unternehmen wie eine Behörde