Michael Naumann soll es also sein, gegebenenfalls. Der Journalist und Buchverleger, ein weltläufiger, alerter, auf seine geistige Unabhängigkeit bedachter und äußerst meinungsfreudiger Mann, ist als Gerhard Schröders Schattenminister für Kultur vorgesehen. Im Falle eines SPD-Wahlsiegs soll der einstige ZEIT- und Spiegel- Redakteur, der frühere Rowohlt-Verleger und heutige Verlagschef von Metropolitan Books/Henry Holt Inc. in New York, als "Staatsminister für kulturelle Belange" in einem SPD-geführten Kanzleramt fungieren. Soll damit das letzthin vielberedete Amt eines Bundeskulturministers tatsächlich Gestalt annehmen?

Ein Staatsminister ist kein Minister - er heißt nur so, bekleidet aber bloß den Rang eines parlamentarischen Staatssekretärs. Ein Staatsminister hat kein Portefeuille, im Kabinett hat er keine Stimme. Andererseits benötigt er als Voraussetzung seines Amtes ein Bundestagsmandat, über das aber Naumann, eingestandenermaßen nichts weiter als eine "Karteileiche" der SPD, nicht verfügt. Schon fuchteln aufmerksame Bonn-Experten mit dem Handbuch der Bundesregierung und wollen Schröder der Berufungs- und Ernennungsschludrigkeit überführen. Die SPD wiederum tut den Patzer mit Nonchalance ab: Die Frage des Titels sei "sekundär", wichtig sei nur, daß man Naumann überhaupt gewonnen habe.

Getreu seiner Wahlkampf-Strategie, zu punkten, ohne anzuecken, ist Schröder auch in der Frage eines Bundeskulturbeauftragten konfliktvermeidend vorgegangen. Vor allem dem Konflikt mit den Ländern ist er ausgewichen - er hat sich gehütet, sie durch Ausrufung eines Kulturministers zu provozieren. Denn die verfassungsrechtliche Grundlage eines Kulturengagements des Bundes ist dünn und umstritten. Jederzeit können die Länder, Grundgesetz in der Hand, auf ihre verbürgte Kulturhoheit als Kernstück ihrer Eigenstaatlichkeit pochen, und sie tun es auch beim geringsten Anlaß mit aller Vehemenz. Weshalb Schröder schon vorsorglich beteuert, die Kulturhoheit der Länder werde durch Naumanns Kompetenzen nicht angetastet. Welche Kompetenzen dem designierten, aber noch nicht verbindlich titulierten Staatsminister im Kanzleramt zugesprochen werden sollen, welches politische Gewicht er letztlich haben wird im Falle einer SPD-Kanzlerschaft, ist völlig offen.

Indes: Auch wenn ein Staatsminister im Kanzleramt nur ein Kulturminister light sein kann, bedeutet das keineswegs automatisch seine völlige Macht- und Wirkungslosigkeit. Ein Staatsminister hat vielleicht keinen Spielraum, er muß ihn nur nutzen. Er kann wenig machen, hätte aber viel zu tun, wenn er die Dinge, in die er sich einmischt, zu seiner Sache erklärt. Seine Handlungsfähigkeit ist neuerdings, wenn auch indirekt, sogar festgeschrieben.

Im Einigungsvertrag, Artikel 35, werden dem Bund erstmals Kulturkompetenzen zugesprochen. Im Maastricht-Vertrag, Artikel 128, wird der Europäischen Union ein kulturpolitisches Instrument zuerkannt - woraus sich, schon aus Symmetriegründen, für Deutschland eine Aufwertung der Kulturbundeskompetenzen ergibt. Und drittens wird vom Bund kulturpolitische Gestaltungsmacht auch im Aufbau der neuen Hauptstadt Berlin gefordert und de facto längst ausgeübt. Zwei Formeln ermächtigen den Bund, aktiv zu werden: Wenn es um "Bewahrung und Schutz des kulturellen Erbes" geht und wenn sich Aufgaben von "nationaler Bedeutung" stellen, darf sich der Bund einschalten - er muß nur wollen.

Da müßte sich ein Bundeskulturbeauftragter, auch wenn er nur Staatsminister oder sonstwie heißt, ordentlich tummeln können - als oberster Lobbyist deutscher Kulturinteressen nach innen und nach außen, als Anreger und Moderator, als Muntermacher, Einmischer und Ideengeber. Aber auch als Entrümpler und Bereiniger im undurchdringlichen Kompetenzdickicht. Zum sakrosankten Kulturföderalismus müßte sich nämlich eine Kulturordnungspolitik des Bundes dringend hinzugesellen.

Schon den Kompetenzenwirrwarr des Bundes in Kulturfragen aufzudröseln wäre eine sinnvolle und überfällige Koordinierungstat. Die Filmförderung ist derzeit teils im Wirtschafts-, teils im Innenministerium angesiedelt. Die Kulturaußenpolitik wird vom Auswärtigen Amt, soweit es die Goethe-Institute betrifft, sowie von fünf weiteren Ministerien gemacht. Dem Justizministerium obliegen Stiftungs- und Urheberrecht, aber die Buchpreisbindung gehört ins Wirtschaftsministerium, und die Besteuerung von Stiftungen und Sponsoren wird vom Finanzministerium geregelt, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hingegen obliegt dem Innenministerium. Dieses ist auch für die Forschungsförderung in Museen zuständig, während die musisch-kulturelle Bildung dem Forschungsministerium untersteht, nicht aber die kulturelle Jugendbildung - die gehört zum Familienministerium.