Nach seiner Ausbildung zum Schiffsmechaniker hatte Jörn Springer erst einmal genug von der Seefahrt. Ein Jahr lang hatte er nur selten Festland unter den Füßen, dafür das endlose Meer vor den Augen. In den Häfen Südostasiens kannte er sich danach aus; allein dreimal ist er die Tour zwischen Bremerhaven und Japan hin- und zurückgereist. Im Heimathafen gab es oft nicht einmal Zeit für ein kurzes Glück mit der Freundin. Nach vierzehn Stunden Arbeitsaufenthalt schob sich das Containerschiff wieder aus dem Hafen - dem Indischen Ozean entgegen. "Aber je länger ich wieder an Land bin, um so größer wird die Lust auf die Ferne", sagt Jörn Springer und rechnet schon aus, daß er in zwei Jahren mit dem Studium fertig ist und sich dann wieder auf die Reise machen kann.

Jörn Springer studiert am Institut für Schiffsbetrieb, Seeverkehr und Simulation (Issus) an der Fachhochschule Hamburg. Als Diplomingenieur für Schiffsbetrieb wird er das Studium abschließen. Damit hat er sowohl die Möglichkeit, das Patent zum nautischen Offizier und Kapitän zu erwerben als auch zum Schiffsingenieur und Leiter von Maschinenanlagen. Die Hamburger Fachhochschule bietet als einzige unter den deutschen Seefahrtsschulen solch einen kombinierten Studiengang an - in der Hoffnung, damit die Voraussetzungen für einen vielseitigen Einsatz der Absolventen zu schaffen. Das Diplomzeugnis der Hochschule macht aus den Absolventen jedoch noch keinen Schiffsoffizier. Nach dem Studium bedarf es einer Seefahrtszeit von zwölf Monaten als nautischer Wachoffizier, um zum Ersten Offizier ernannt zu werden, und einer weiteren Seefahrtszeit von zwölf Monaten, um das Kapitänszeugnis zu bekommen.

Zwischen Astronavigation und Personalführung

Beim letzten Hamburger Hafengeburtstag besetzte Jörn Springer deshalb gemeinsam mit anderen angehenden Schiffsoffizieren das Museumsschiff Cap San Diego, um auf das Mißverhältnis zwischen Ausbildungsanforderungen und Realität aufmerksam zu machen. Bereits jetzt fehlen gut ausgebildete Führungskräfte in der Seeschifffahrt, in einigen Jahren wird es einen extremen Mangel geben. Reedereien und Schiffsmanagementfirmen sind aber auf bestes Personal angewiesen, auch um ihren Ruf zu verteidigen. "Die Deutschen müssen einfach so gut ausbilden, daß deutsche Führungskräfte eingestellt werden", sagt Professor Karl-Richard Albrand vom Issus. Andererseits hätten die Reedereien in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren versäumt, genug Nachwuchs auszubilden - und somit auch die Voraussetzungen für Studienanfänger zu gewährleisten, fügt Albrand hinzu. Jede der deutschen Seefahrtsschulen (fünf Fachhochschulen, drei Fachschulen) kämpft mit zu niedrigen Studentenzahlen. Am Hamburger Issus kommen pro Jahr nicht mehr als zwanzig Studenten hinzu. Die Seefahrt wird für immer weniger junge Leute attraktiv. Jörn Springer glaubt, daß dies auch an einem Informationsdefizit liegt, wird er doch immer wieder gefragt, ob er an Bord das Deck schrubben müsse. "Kaum einer weiß, daß Schiffsoffizier ein hochtechnischer, moderner Beruf ist, der komplexes Wissen auf vielen Gebieten verlangt." Angefangen bei Mathematik über Chemie, Recht, Personalführung, Astronavigation bis hin zu Meteorologie und Kursen am Schiffssimulator.

Mit neuen Ausbildungsbestimmungen, die am 1. August wirksam werden, wird es für viele Studenten noch schwieriger. Seefahrtszeiten werden dann anders berechnet, was die Ausbildungszeit verlängern kann. Dies macht die Ausbildung für junge Leute noch weniger reizvoll, zudem entstehen für Reedereien mehr Kosten für den Nachwuchs. Hinzu kommt, daß ab August auch eine Seefahrtsausbildung an der Fachschule (zwei Jahre mit Realschulabschluß) zum Führen von Schiffen jeder Größe und in allen Fahrtgebieten befähigen soll. Damit wächst die Konkurrenz für Studenten wie Jörn Springer, die mit wesentlich größerem Zeitaufwand letztendlich die gleichen Patente erhalten. "Durch die Ausbildung zum Diplomingenieur erhoffe ich mir jedoch viel bessere Chancen auf Arbeitsplätze an Land", sagt Springer. Höchstens zehn Jahre könne er die Seefahrt durchhalten, glaubt er heute. Nicht wie sein Urgroßvater, Onkel oder Stiefvater, die ein halbes Leben auf den Weltmeeren verbracht haben. "Ich möchte aber auf keinen Fall auf die Erfahrung der Seefahrt, auf diese komplexe Verantwortung verzichten." Einige seiner Kommilitonen haben den Traum vom Käpitän schon in den Wind geschrieben und rechnen damit, sich nach dem Studium einen Job an Land zu suchen. Jörn Springer aber hat auf seiner Weltkarte noch einige weiße Flecken, wo er noch nie im Hafen lag.

Beratung und Anmeldung:

Fachhochschule Hamburg; Institut für Schiffsbetrieb, Seeverkehr und Simulation; Elbchaussee 23; 22765 Hamburg Tel. 040/380 75 46 E-Mail: office@issus.susan.fh-hamburg.de