Eigentlich gehören die Übertragungen der Tour de France ins Nachtprogramm, auf die Sendeplätze, wo Bodybuilder und Wrestler ihre Körper blähen. Radsport ist genauso vom Doping verseucht wie das Showgerangel dieser Michelinmännchen. Jeder Radprofi läßt Ärzte und Masseure an seinem Körper herumfummeln, als seien es Mechaniker für Formel-1-Rennwagen.

Der Mensch als Maschine - das ist nichts fürs Kinderprogramm, denn da werden schöne Träume zerstört: der vom Fair play zum Beispiel, aber auch der, daß Sportler Naturmenschen sind, die allein dank ihrer naturgegebenen Kräfte, ihres Talents, ihres Willens in der Arena vorführen, zu was der Mensch alles in der Lage ist. In Wirklichkeit riskieren die Sportler zu unserer Erheiterung Gesundheit, ja das Leben: Die momentane Lieblingsdroge der Radler, Epo, steigert zwar die Leistungsfähigkeit, kann aber auch zu Lungenödemen und Herzinfarkten führen. Zwischen 1987 und 1991, den Anfangsjahren des neuen Wundermittels, starben achtzehn junge, austrainierte Radprofis einen plötzlichen Herztod.

Statistisch - aber wohl nur hier - hat sich die Situation sogar verbessert: Bei der Einführung systematischer Kontrollen in den sechziger Jahren erwies sich noch fast ein Drittel aller Fahrer als gedopt, Mitte der neunziger waren es noch knapp zwei Prozent, die erwischt wurden. Ohnehin ist im Leistungssport nichts mehr natürlich. Ein Bänderriß hält einen Fußballprofi gerade mal zwei Wochen von der Berufsausübung ab. Ist das noch normal? Oder junge Kunstturnerinnen, deren Karrieren zu Ende gehen, bevor sie erwachsen sind, weil der Körper ruiniert ist. Es liegt vielleicht nicht in der Natur kleiner Mädchen, einen dreifachen Salto auf die Matte zu legen. Aber uns gefällt's. Doping finden wir nur schlimm, weil es die makellose Hülle der Modellathleten verletzt und deren scheinbar angeborene Leistungsgrenzen aufhebt.

Doping- und manipulationsfreien Spitzensport wird es nie geben. Also gibt es drei Möglichkeiten. 1.) Man verbietet ihn. Sperrt alle Radprofis ein, die Teilnehmer sämtlicher Leichtathletik- und Schwimmwettbewerbe sowie vom Ehrgeiz zerfressene Eltern gleich dazu. Und überträgt in Zukunft zur Volksbelustigung Mensch-ärgere-dich-nicht-Turniere. 2.) Man gibt Doping komplett frei. Und hat zum Beispiel im Tour-Troß gleich einen Bestattungsunternehmer dabei. Die Fahrer wissen schließlich, worauf sie sich einlassen. 3.) Man hält sich an Leibniz und hofft, wir lebten in der besten aller möglichen Welten. Läßt die Regeln, die sich die Sportverbände selbst gegeben haben, von unabhängigen Kontrolleuren überprüfen und verfolgt die Giftmischer unnachgiebig, auch wenn man nie alle erwischt. Das ist nicht wirklich befriedigend, aber Leibniz hat nie Sport getrieben und auch nicht behauptet, daß die beste aller möglichen Welten gut sei.

Aber jetzt ist Schluß mit der Philosophie. Das Nachmittagsprogramm fängt gerade an. Und zeigt, wie Jan Ullrich, ohne zu schnaufen, eine zwanzig Kilometer lange Steigung hochrast. Ist doch alles ganz normal, oder?