Diktatoren und ihre Schergen benötigen neben den gewerbeüblichen Eisenwaren vor allem eines: das beruhigende Bewußtsein, daß sie keine Angst vor Verfolgung und Strafe haben müssen. Gewiß: Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie Deportationen und Massenvergewaltigungen sind völkerrechtlich längst so gut wie weltweit geächtet. Dennoch konnten die Pinochets, Pol Pots und Saddam Husseins ruhig schlafen: denn es gab keinen Richter, der die Herrschaft des Rechts gegen die Willkür des Stärkeren hätte durchsetzen können.

Seit neuestem aber muß ein häßlicher kleiner Zweifel im Unterbewußtsein der Tyrannen nagen. Vertreter von 160 Staaten haben am Freitag vergangener Woche in Rom das Statut eines internationalen Strafgerichtshofs verabschiedet. Er soll die Täter schlimmster Menschenrechtsverbrechen verfolgen und bestrafen. Ehe das Gericht seine Arbeit in Den Haag aufnehmen kann, müssen sechzig Staaten den Vertrag ratifizieren, was gut fünf Jahre dauern kann. Doch schon mit der Schlußakte von Rom ist eine Hoffnung erfüllt worden, die ihren Ursprung im Militärtribunal von Nürnberg hat, wo 1946 die Richter der Alliierten über die NS-Führung zu Gericht saßen.

Auch in Rom freilich tat sich die internationale Gemeinschaft noch immer schwer. In einer Weltordnung, in der militärische Gewalt oft noch als legitime Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln gilt, sollte erstmals eine politisch unabhängige Instanz die Ausübung dieser Gewalt nach dem Kriterium der Legalität überprüfen dürfen. Und die Normverletzung mit Strafgewalt sanktionieren dürfen? Bisher war dies eine ureigene Befugnis des Nationalstaates. Was Wunder also, daß der aus drei Jahren stiller Verhandlungen hervorgegangene Statutsentwurf, mit dem die Delegierten in der römischen Junihitze zum Stellungskampf in den staubigen Labyrinthen der Welternährungsorganisation FAO antraten, noch immer mehr als 1400 eckige Klammern enthielt, die typographischen Minensignale des diplomatischen Gefechtsfelds: Sämtliche wichtigen Fragen waren offengeblieben.

Als wäre das nicht Herausforderung genug, als hätten andere große Vertragsprojekte der Nachkriegszeit wie die Menschenrechtspakte nicht jahrelanges zähes Ringen verlangt, hatten sich die Delegierten in Rom gerade fünf Wochen Zeit gegeben, um den endgültigen Text auszuhandeln.

Am Ende ist es doch gelungen - wider alle Skepsis und Wahrscheinlichkeit. Knapp eine Stunde vor dem Konferenzende um Mitternacht bestätigte das Plenum unter Jubel, Umarmungen und einigen Tränen fassungsloser Erleichterung den Statutstext - mit 120 zu 7 Stimmen, bei 21 Enthaltungen: Das war weit mehr als die erforderliche Zweidrittelmehrheit, um die selbst Optimisten gezittert hatten. Und es war eine Ohrfeige für die Delegation der Vereinigten Staaten.

Deren Leiter David Scheffer hatte die Abstimmung verlangt, obwohl es nach dem Komment multilateraler Konferenzen möglich gewesen wäre, den Text ohne Votum zu akzeptieren. Der bestellte Gesichtsverlust wirkte um so masochistischer, als Scheffer erst kurz zuvor mit 113 zu 17 Stimmen den Versuch verloren hatte, dem Statut eine Straffreiheitsgarantie zugunsten amerikanischer Soldaten und Agenten anzuheften.

Zu den Ländern, die schließlich für das Statut votierten, gehörte vor allem die Gruppe der 65 "Gleichgesinnten", die seit Jahren um einen starken und unabhängigen Gerichtshof gerungen hatten. Neben alten Bekannten des Menschenrechtsinternationalismus wie den skandinavischen Staaten, Kanada oder der Schweiz gab es darunter einige aufsehenerregende neue Erscheinungen. Die deutsche Delegation etwa, die seit Jahren daheim und in der Ferne auf die Konferenz hingearbeitet hatte, kämpfte mit Verve, Prinzipienfestigkeit und beachtlicher diplomatischer Finesse an der Spitze der like-minded states . Und sie blieb dort, allen Anfechtungen zum Trotz.