Ist Abdul ein gelehriger Schüler? Der junge Muslim kniet sich auf den Teppich der Merkez-Camii-Moschee, küßt dem Hodscha die Hand und liest aus dem heiligen Buch. Vers um Vers. Flüssig kommen die Kehllaute von den Lippen. Der Hodscha mit dem weißen Bart und dem runden Gebetskäppi lächelt zufrieden.

Die kleine Prüfung hat Abdul bestanden - auch wenn er nicht begriffen hat, was die verschlungenen Zeichen in dem Buch bedeuten. Die Sprache des Korans ist Arabisch. So hat der Prophet Mohammed vor 1400 Jahren gesprochen. So beten die Muslime noch heute, ob in Mekka, in Köln oder hier in Hamburg-St. Georg. So muß es Abdul lernen, selbst wenn er ansonsten nur Türkisch spricht und, natürlich, Deutsch. Schließlich ist Abdul in Deutschland geboren wie alle Jungen, die an diesem Samstag mittag zum Korangelehrten gekommen sind.

Im Koranunterricht lernen die Kinder alles, was ein frommer Muslim wissen muß. Arabische Schriftzeichen, Gebete, Regeln. Welches Fleisch er essen darf und welche Getränke er besser meidet. Wie sich ein Junge zu verhalten hat, wenn er "feuchte Träume hat", und "wie ein Mädchen sich waschen muß in den Tagen der Regelblutung". Auf die islamische Sittenlehre legen die Lehrer besonderen Wert, versichert Mustafa Yoldas, der Dolmetscher der Hamburger Moschee. "Wer zu uns kommt, nimmt keine Drogen, ist nicht kriminell, hängt nirgendwo herum." Und Schläge? Die Zeiten seien vorbei, sagt der 27jährige. "Wir müssen beweisen, daß wir besser sind als die deutschen Lehrer."

Das fällt den Hamburger Hodschas leicht. Denn die deutsche Schule fühlt sich für die Kinder des Korans nicht verantwortlich. In deutschen Klassenräumen gibt es katholischen und evangelischen Religionsunterricht; auch Kinder von orthodoxen oder adventistischen Eltern lernen in der Schule die Grundsätze ihres Glaubens. In Hamburg und Hessen können jüdische Schüler mit Kenntnissen über Thora und Talmud sogar ihre Abiturnoten verbessern. Nur die 750 000 muslimischen Kinder und Jugendlichen, Angehörige der zweitgrößten Religionsgemeinschaft in der Bundesrepublik, erfahren in kaum einer Schule etwas über ihre Religion - im Rahmen eines regulären Lehrfaches nirgendwo. Die deutschen Schulbehörden speisen die muslimischen Kinder mit halbherzigen Experimenten oder abenteuerlichen Notlösungen ab.

Die Schulen überlassen sie der religiösen Obhut der Türkei oder den islamischen Gemeinschaften in Deutschland. Hier können Hodschas, die meist nur Türkisch sprechen und den Alltag der Kinder kaum kennen, ihre konservative Interpretation des Korans verbreiten, ohne daß die deutschen Behörden Einblick in den Unterricht haben. Das Muster einer verfehlten deutschen Integrationspolitik wiederholt sich beim Reizthema Religion: Erst erklärt man sich für nicht zuständig, später beklagt man sich, daß sich junge Muslime auf radikale islamistische Parolen einschwören lassen.

Kein Kopftuch zu tragen sei Sünde, sagt der Hamburger Hodscha

Denn in vielen Moscheen, so der begründete Verdacht, stehen nicht allein Koransuren und Grundsätze eines gottgefälligen Lebens auf dem Lehrplan, sondern ebenso eine unduldsame Moral und - für die Älteren - politische Propaganda. Der Hamburger Hodscha Fazli Cicek beispielsweise erklärt den Koran, so wie er ihn versteht: als praktisches Regelwerk für alle Lebenslagen.